Zielgruppe: Das untere Drittel der Gauß´schen Intelligenzverteilungskurve (UDIK)

Gastkommentar von Gerhard Engelmayer

Die Wahlplakate der FPÖ lassen uns wissen:  Jetzt soll nach dem 29. 9. auf einmal der Wille des Volkes geschehen. Kickl  soll auf unserer Seite sein, also auf der Seite des Volkes. Das Problem ist:  Wer das Volk ist, das bestimmt Kickl. Jetzt sollen wir uns jetzt noch einreden lassen, dass die EU ein Kriegstreiber ist. All diese haarsträubenden Dinge lassen sich fast ein Drittel  der Österreicher einreden, nur weil sie ernsthaft glauben, dass Kickl die Ausländerfrage löst. Laut Plakat „sagt das Herz JA“, aber sorry, das Hirn sagt NEIN!

Denn Kickl ist der Politiker, der mit der kleinsten Wahrscheinlichkeit das Ausländer Problem löst, weil er ja davon lebt.

Angesichts der  endlosen Ketten von Pannen und Pleiten in der FPÖ-Geschichte, von desaströsem Personal, von aberwitzig korrupten Innenansichten der freiheitlichen Denkgebäude im Ibiza Video, von grenzenlos dümmlichen Vorstellungen, wie man der Corona Krise Herr werden kann, angesichts all dessen fragt sich der einfache Bürger und Wähler schon, was hier vor sich geht und ob jeder Dritte in diesem Land übergeschnappt ist.

Die Antwort ist einfacher als man denkt: Kickl hat sich – anders als alle anderen – eine für ihn vernünftige, aber leider gefährliche Zielgruppe ausgesucht: Das untere Drittel der Gauß´schen Intelligenzverteilungskurve (das „UDIK“ ) in unserem Volk, das sind  jene Leute, die sich alles, aber auch schon alles einreden lassen, und wenn es auch noch so hanebüchen und abgeschmackt ist, Hauptsache, es ist simpel gestrickt, so dass es auch durch die kleinste Gehirnwindung geht. Allem voran, dass es hier um Freiheit geht. Das Gegenteil wird der Fall sein.

Und wenn die ganze Brühe noch mit dem Glauben verbrämt ist („Euer Wille geschehe!“), mit dem „gesunden Volksempfinden“ im Einklang steht, dann steht  der Unterwerfungssehnsucht, die wir in vielen Jahrhunderten katholischer Autoritätstradition gelernt haben, nichts mehr im Wege. Unterwerfen ist so schön, weil man das lästige, energieaufwändige Denken  einstellen kann. Als Zuckerguss kommt dann noch das rotzige Aufbegehren gegen „die Eliten“ oben drauf, das sind offenbar die oberen 70% der Gauß´ schen Intelligenzverteilungskurve, die uns schon immer zuwider waren. Man fühlt sich vertreten,  wenn ein  Mensch  mit grobschlächtigen Manieren es den Großkopferten und  G´studierten endlich rein sagt. Das ist echt! Das ist Balsam auf das naturgemäß schmächtige EGO.

In einer Zeit, in der Menschen mehr und mehr dem Wahn verfallen, nach dem flüchtigen Blick auf 2, 3 Internetseiten auf Gebieten wie Virologie, Kosmologie und Physik mitreden zu können, gibt es eben auch immer mehr Leute, die sich aus Kickl Aussagen eine Lizenz  zum Mitregieren ausrechnen, wenn sie nur fest genug an den Erlöser, den „Volkskanzler“ Kickl glauben. Genauso entstehen Sekten. Wissenschaft stört da.

Man wählt nicht, sondern man gibt sich selbst auf. Man lese nur die Kommentare zu Kickl Interviews – reihenweise Seelenverkäufe, Selbstaufgabe. Danach interessiert dich nichts mehr. Dass Kickl inzwischen zugibt, er privilegiert die Reichen, kriegen die UDIK´s gar nicht mehr mit. Es beginnt Abschottung (FPÖ-TV), sektenartiges Gehaben und die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Künstlich aufgebaute Angst regiert die Welt, das Symptom Nr. 1.

Man möchte dem UDIK zurufen: Bleibt cool, Leute! Ist alles nur Bluff! Schaut euch doch diese Witzfiguren genauer an! Die Komplexler hoch zu Ross!

Aber Seelenverkäufe sind endgültig und werden aus Gründen der kognitiven Dissonanz selten freiwillig rückabgewickelt. „Gebt mir 4 Jahre!“ rief Hitler am 14. 3. 1933 im Zuge der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes, „Gebt mir 5 Jahre!“ ruft erstaunlich ähnlich Herr Kickl. Ich fürchte, jetzt gilt es Klartext zu reden: Man sollte sie fragen: Leute, echt, da wollt ihr wirklich dabei sein, beim UDIK?

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Quo vadis Religion?

Gedanken eines gefestigten Konfessionsfreien zum Niedergang der Kirche

von Gerhard Engelmayer

Religion ist ein sehr komplexes Phänomen. Die vielfältigen Ursachen haben mit Krieg, Schicksalsbewältigung und Armut  tun und vor allem mit gewaltsam geformten Gemeinschaften, die, wenn sie einmal da sind, eine enorme Zentripetalkraft ausüben. Kurz: Dabeisein ist wichtiger als Glaubwürdigkeit oder Wahrheit. Die Erzählungen der einzelnen Religionen können nicht „wahr“ sein, weil sie statischem Denken entspringen, ihre Überprüfbarkeit wäre meist ihr Ende. Wichtiger ist ihre Funktion als geistige Standarte einer Gemeinschaft mit eigenwilligen Riten, Regeln und Sitten.

Solange Gemeinschaften ein geistiges Dach brauchten, musste es stammesmäßig  eigenständig sein und deswegen ist die Religion oft die tragende Säule eines Stammes/Volkes mit dementsprechenden Lenkungsmöglichkeiten für politische Führer. Ausnahmslos war die Religion nahe an jedem Autokraten zu finden und ist es noch. In Österreich, dem Zentrum der Gegenreformation, war er sogar vor gut hundert Jahren mit dem Autokraten identisch.

Was man Religionen aus heutiger Sicht vorwerfen muss, ist, den Habitus von religiösen Menschen auf den Autokraten vorzubereiten (siehe USA). Der amerikanische Moderator Phil Dunahue meinte sogar: „Die Wissenschaft mag es weit gebracht haben, aber was die Religion anlangt, sind wir Cousins ersten Grades der !Kung- Stammeskrieger aus der Kalahari Wüste.“ Das vertikale Gesellschaftsideal (die kath. Kirche will das seit gestern ändern), die Unterwerfungssehnsucht, der eingefleischte Konservativismus, der Glaube an die Erlösungsmöglichkeit, an das Erweckungserlebnis und an den geistigen Urknall, all das leistet dem Autokraten Vorschub und untergräbt aufklärerisches, wissenschaftliches Denken mit Sicherungsmethoden, Transparenz und Überprüfbarkeit. Deswegen haben liberal und eigenständig denkende Menschen berechtigte Angst vor theokratischen Entwicklungen auf der ganzen Welt, speziell in den USA.

Diese Denkschiene – und es ist eine Schiene, die kaum Individualismen erlaubt – ist mit einem modernen aufgeklärten Menschenbild nicht nur unvereinbar, sondern ihm diametral entgegengesetzt. Christliche Werte werden kaum je klar benannt, um diesen Sachverhalt zu verschleiern. In Wahrheit sind christliche Werte eher jene, die man in der Basilika von Monte Cassino als Säulen dargestellt hat, Armut, Keuschheit, Beständigkeit und Gehorsam. Was heute als christliche Werte gerne verkauft wird, sind im Gegenteil Werte der Aufklärung, die gegen den erbitterten Widerstand der Kirche erkämpft wurden: Gleichberechtigung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sowie Menschlichkeit und Menschenrechte. Bertrand Russell fügte noch hinzu: „Was wir heute brauchen, ist Bildung, Zivilcourage und einen freundlichen Umgang miteinander.“

Das wäre ein Schritt in Richtung der Kultur einer „säkularen Zivilisation“ (Bruce Ledewitz), um diesen  Werten auch einen Namen zu geben. Diese ist zu befördern mit Hilfe der Zivilgesellschaft, statt  ein sinkendes Schiff, von dem man nur mehr die Schiffsschraube sieht,  jedes Jahr mit Milliarden am Leben zu halten. Statt eines Kreuzes sollte die Menschenrechtkonvention an der Wand jedes Klassenzimmers hängen.

Kein Politiker wagt auch nur daran zu denken, diesen Weg zu gehen, obwohl die Bevölkerung schon viel weiter ist. (1/3 konfessionsfrei, mehr als die Hälfte nicht religiös). Es wirkt schon die normative Kraft des Faktischen: Kinder melden sich trotz Zwängen vom Religionsunterricht ab, tausende Kirchen stehen leer, der Verfassungsgerichtshof hebt religiös inspirierte Gesetze auf, etc. Statt einer groß angelegten Kampagne über den Glauben in Österreich, wäre eine anzustreben, die säkulare Kräfte, deren es in Österreich sonderzahl gibt, bündelt, unterstützt und weiterentwickelt, auch unter Einbeziehung der vielen fortschrittlichen und reformwilligen Kräfte der Kirche. Die politischen Parteien und ihre Programme zeigen, dass der Phantasielosigkeit und der Rückwärtsgewandtheit keine Grenzen gesetzt sind. Wie anders wäre die politische Landschaft, hätte jemand den Mut, eine Vision für den Umbau der Gesellschaft in eine säkular-humane Gesellschaft mit geerdetem Weltbild und einer wissenschaftlich fundierten Ethik zu präsentieren.

Gesamt 4182

Ist die Kirche Selbstzweck?

Das Schrumpfen der Kirche wirft eine Fülle von Fragen auf
veröffentlicht am 8.2.23 als Gastkommentar im Kurier

Jedes Jahr werden die Mitgliederzahlen der Kirche veröffentlicht und seit Jahrzehnten schrumpfen sie. Die Kirche sieht sich als Machtapparat noch fest im Sattel und redet das schön. Diese Annuität wird langsam peinlich, vor allem durch die Sprungzahlen: In Wien sind die Konfessionsfreien erstmals über die magische 50%-Marke gestiegen und stellen damit die Mehrheit.

Das ginge uns alle auch nichts an, läge die Kirche dem Steuerzahler nicht gehörig auf der Tasche. Aber in einer Zeit, in der wir jeden Cent für Schadensbegrenzung brauchen, muss man fragen, was mit den Abermillionen passiert, die jedes Jahr überwiesen werden. Was bekommt der Staat für diese enormen Summen? Oder ist die Kirche Selbstzweck? Wer kontrolliert die Kirche? Der Rechnungshof tut das nicht, obwohl hunderte Millionen an Steuergeld dort versickern. Wenn sich Jahr für Jahr – trotz Gratis-Werbung im Staatsfunk – fast 100.000 Menschen von dem Verein abwenden, so kann man schwerlich diese Herz-Lungenmaschine für einen Moribunden als erfolgreiche Investition in die Zukunft unseres Landes sehen! Wir können uns auch hier keine Intransparenz leisten.

Die Kirche ist ja nicht dafür bekannt, sich große Gedanken über die Zukunft der Menschen zu machen oder solche Beiträge zu leisten. Was, wenn wir in Krisenzeiten wie derzeit das Geld in Überlebensprojekte wie Wasserstoff-Projekte oder öffentlichen Verkehr stecken? Aber nicht einmal soweit muss man gehen: Was, wenn wir wenigstens eine moralische Rendite einfordern? Wer kann argumentieren, dass wir die Kirche aus ethischen Gründen brauchen? Wer kann denn behaupten, dass gläubige Menschen tatsächlich ethischer handeln und wenn ja, ob sie dazu die finanzielle Unterstützung Nicht-Gläubiger brauchen oder überhaupt wollen? Dabei reden wir nicht über die Kulturgüter der Kirche, die bereits jetzt großteils von der Allgemeinheit finanziert werden. Das steht außer Streit.

Nicht außer Streit stehen alle Ausgaben, die die staatspolitischen Aufgaben der Kirche betreffen. Man hat es früher für wichtig gehalten, dass es jemanden gibt, wie Kardinal Rauscher, der einem sagt, dass eine Zivilehe ein „sündhaftes Konkubinat“ ist. (Was übrigens noch immer der Standpunkt der Kirche ist.) Das kann man nach wie vor meinen, aber unterstützenswert ist es nicht.

Wenn es aber um die Fortschreibung von Machtpositionen geht, die zu finanzieren sind, dann muss man die Dinge in einem sogenannten „säkularen Staat“ (siehe meinen Kurier-Kommentar vom 07.06.2022) kritisch betrachten. Wir können jetzt nicht mehr so tun, als wären wir im Jahr `45, in dem noch 90% der Bevölkerung katholisch war und Österreich zu einem potemkinschen Dorf machen. Ein Beispiel: Die rund 10.000 kirchlichen Immobilien(!), die langsam zu Geisterhäusern werden, durchzufüttern, während andere Organisationen, aber auch Private und vor allem Einwanderer händeringend nach Quartieren suchen, ist unverantwortlich. Sie unbenützt zu lassen ist ebenso unverantwortlich, wie sie leer zu heizen. Das Schrumpfen der Kirche wirft eine Fülle ähnlicher, auch politischer Fragen auf (Ist das Konkordat noch zu vertreten?). Die Politik muss das Thema breit diskutieren lassen und die Kirche wäre gut beraten, das Thema offen anzugehen und sich gesellschaftlich gerechten Lösungen nicht zu verschließen! Eine Analyse der Kirchenaustrittszahlen findet man im Netz unter avoesterreich.at.

Noch wichtiger als die Säuberung des Kanzlers ist die Etablierung von Polit-Ethik!

Kurz und die Türkisen sind bestraft und die Bürger steigen mit einem blauen Auge aus, indem keine Regierungszeit verlorengeht, die das Volk dringend braucht. Es bleibt ein schaler Geschmack: Die Gratiszeitungen und manch andere hängen am Tropf der Regierung und sie liegen uns Bürgern auf der Tasche, und zwar in nie gekannten Ausmaß. Es gilt, diese Probleme in den Griff zu bekommen:

Zur gänzlichen Aufarbeitung der Krise gehört ein Gesetz beschlossen, dass die Regierungsinserate unterbunden werden, die auch für das Zustandekommen der Krise verantwortlich waren. Es muss ein governance-Konzept für die Regierung ausgearbeitet werden, das ethische Regeln des guten Regierens festlegt. Positive Berichterstattung zu erkaufen gehört zu den großen No-gos jeder Regierung.

Wenn jemandem Polit-Ethik (das Wort ist neu!) am Herzen liegt, dann sollte man nicht nur den Trainer austauschen, sondern die Regeln für faires Spiel überdenken und die Spieler trainieren.

Statt Regierungsinseraten sollte es eine Pflicht geben, die Inserateneinnahmen aus Inseraten von politischen Interessensvertretern und Marktteilnehmern zu veröffentlichen.

Es steht zu befürchten, dass die  Versetzung des Herrn Kurz reichen soll, die aufgebrachte Volksmenge zu besänftigen. Das reicht nicht. Es könnte sein, dass Verursacher des Polit-Chaos überleben und weiter ihre toxische Wirkung auf Kosten der Bürger entfalten. Die krasse Unkultur der Zeitungsinserate muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Das ist verdeckter Stimmenkauf, noch dazu auf Kosten der Wähler. Der zahlt selbst seine eigene Manipulation. Es geht hier um zig Millionen pro Jahr, die bei der Bildung fehlen.

Werbung ist eine Information von Menschen, die eine Wahl zwischen verschiedenen Angeboten haben. Das trifft für Regierungsinserate nicht zu. Letzten Endes geht es hier um eine Art von Korruption im ganz großen Stil, so groß, dass vielen die Unrechtmäßigkeit des Systems noch gar nicht bewusst geworden ist. Hier ist ein Krebsgeschwür entstanden, das auf Kosten des gesunden Gewebes wächst und ehrlich arbeitende Kollegenschaft im Journalismus verdrängt. Das Geschäftsmodell des redaktionellen Meinungsverkaufs ist eine Kombination von mafiöser Schutzgelderpressung und Betrug am Leser.  Die Gratisabgabe der Zeitungen, die damit eine Marktdeformation in Richtung minderwertiger Information nach sich zieht, schädigt die Presselandschaft im Ganzen und hat schreckliche kulturelle Folgen, die noch gar nicht abzusehen sind.

Wenn die Regierung Mitteilungen an die Bevölkerung hat, dann sind die Medien angehalten, diese zu veröffentlichen, wenn sie im allgemeinen Interesse sind. Das entscheiden die unabhängigen Medien.

Dass hier Leute am Werk waren, die nicht imstande waren, Zeitungen ehrlich für gutes Geld mit gutem Inhalt zu verkaufen, dann aber dennoch ganze Medien-Konzerne aufbauen konnten, ging zunächst unbemerkt vonstatten. Heute muss man aber diesen Vorgang hinterfragen. Wenn also die Beteiligten nicht nur nach strafrechtlichen Gesichtspunkten, sondern auch nach politischem und wirtschaftlichem Schaden, der angerichtet wurde, beurteilt werden, dann ist Kurz fast vernachlässigbar als Projektionsfigur für Wutbürger. Wer glaubt, dass der Kopf des Bundeskanzlers als Bauernopfer zur Reinwaschung der Politik führt, der irrt. Noch dringender als Kurz brauchen wir Bürger eine unabhängige Justiz und eine unabhängige, weniger korrumpierbare Medienlandschaft.

Sicher wird die ganze Zeitungsbranche aufschreien. Aber die derzeit unterprivilegierten Qualitäts-Zeitungen werden rasch davon profitieren, dass der Markt nicht verzerrt wird.  Der Rest sollte durch eine gerechtere Zeitungsförderung ausgeglichen werden. Verlieren werden die, deren Geschäftsmodell auf die Regierungsinserate aufgebaut ist und das ist gut so. In der Regierung Bierlein war die Regelung schon freiwillige Realität und ist allgemein gelobt worden.

Die einfachste und billigste Lösung der Impfgegnerproblematik

Mir ist völlig unverständlich, warum man sich nicht impfen lassen will. Die Argumente der Impfgegner sind allesamt hanebüchen, am ehesten kann man noch eine diffuse Angst gelten lassen. Aber Angst kriegt man durch Wissen und Denken weg. Aber Denken tut weh.

Angst kriegt man aber auch weg durch Angst vor etwas Anderem, Konkreterem, zum Beispiel Kosten. Wenn sich jemand bis jetzt nicht hat impfen lassen, dann ist er/sie vielleicht noch nicht drangekommen. Das Argument fällt in wenigen Monaten völlig weg. Ab dann sollten die Voll-Kosten der Impfung weiterverrechnet werden, die Impfung also nicht mehr gratis sein.

Bei heutiger Ankündigung kann man davon ausgehen, dass sich fast alle noch vor dem Stichtag (im wahrsten Sinn des Wortes) impfen lassen und nur einige wenige Dogmatiker und Millionäre überbleiben. Bei den Anmeldestellen sollten die Impfrisken klar und öffentlich angegeben werden. Sämtliche Fakenews über Impfen sollten dezidiert als solche gebrandmarkt werden. (Leider werden auch die irrwitzigsten Meldungen geglaubt!)

Das Argument dafür ist simpel: Solange Impfstoff knapp war, musste man eine Reihung anordnen. Jetzt ist das nicht mehr notwendig. Wie kommen die Impfwilligen dazu, dass sie Kosten mittragen, die durch Impfunwilligkeit zustande kommen. So sollte man die Vergünstigung der Gratis-Impfung ab einem gewissen Zeitpunkt streichen. Man kann ja diese Vergünstigung schon aus logistischen Gründen nicht ewig aufrechterhalten.

Diese Lösung wäre also die Umkehrung des völlig verkehrten „Bestechungsansatzes“, also die Lösung des Problems durch finanzielle Anreize. Das wäre ja gerade eine Belohnung für asoziales Nicht-Impfen. Denn wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass die Verweigerung der Impfung enorme soziale, gesundheitliche und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich zieht. Die Aufgabe der Regierung ist wie immer, Menschen vor Gefahren zu schützen, auch und gerade dann wenn sie von anderen Menschen ausgehen.

Wie diagnostiziert man einen Religionsvirus anhand des Trumpismus?

Endlich ist Donald Trump Geschichte! Die Welt atmet auf. Trump, der angekündigt hatte, dass vor der Angelobung des neuen Präsidenten „noch viel passieren wird“, machte seine Drohung zügig wahr. Er verkündet weiter den Mythos der gewonnenen Wahl und hat vor, weiter zu „kämpfen“, was immer das angesichts eines gesperrten Twitter-Accounts heißen möge. Die Rolle des armen, verlachten Losers will ihm so gar nicht zu Gesicht stehen. „Wir stehen am Anfang eines neuen Zeitalters, wir stehen am Beginn“, sprach der Mann mit dem gelben Wischmob auf dem Kopf.

„Von der Erhabenheit zur Lächerlichkeit ist es oft nur ein kleiner Schritt!“ Wenn es ein lebendes Beleg-Exemplar für diesen Napoleon-Ausspruch gibt, dann ist es dieser Reserve-Ken mit seiner Barbie made in Slovenia. In Europa raufen sich Beobachter die Haare, um diese Mutter aller Peinlichkeiten beurteilen zu können, ohne in historische Superlative zu verfallen. Wie kommen über 70 Millionen Wähler auf die Idee, dass dieser offensichtliche Egomane ihr Heiland sein könnte?

Man sagt, er verstehe die Menschen, spreche ihre Sprache. Trump punktet bei seinen Anhängern mit seinem harten Vorgehen gegen Migranten, gegen Widerstände im Kongress hat er den Bau der von ihm versprochenen Mauer an der Grenze zu Mexiko begonnen. Trump steht für das Recht auf Waffenbesitz, für ein starkes Militär, für Religionsfreiheit, für den Abbau von Bürokratie und Regularien. Er präsentiert sich als Verfechter von Recht und Ordnung und als Kämpfer gegen Abtreibung. In der Außenpolitik feiern ihn seine Anhänger für seine „America First“-Doktrin, die die USA an erste Stelle setzt.

All das haben auch andere als Programm angeboten, er hat es aber verkörpert. Er hat alles verkörpert, was den Durchschnittsamerikaner zum standesbewussten US-Prolo macht: Schlechte Manieren, Rassismus und Nationalismus, saumäßige Bildung und Naivität von Eingeborenen, Gier, Chauvinismus und – als Schlüssel, der alle Schlösser sperrt – Religiosität, zum Teil als Folge und Ursache all der anderen Eigenschaften. Eine Religiosität, die tief im Volk verwurzelt ist und seit der Gründung dieser Nation Urgrund und Urangst dieser Gesellschaft war und ist.

Die Opferrolle, die Trump nun einnimmt, ist nur logisch und gehört zum fixen Repertoire religiösen Gehabes. So kam es in vielen Staaten der Erde zum Blasphemie-Paragraphen. Da gibt es verheerende Parallelen. In dieser Rolle waren am Anfang viele religiöse Gründerväter. Paulus wurde in Kleinasien geschlagen und zusammen mit Silas in den Kerker geworfen. Man fürchtete Aufruhr.

Zehn Jahre lang hat man Mohammed verlacht, nur Chadidscha hat ihn so lange für ein Genie gehalten und in der Gemeinde verteidigt, bis er selbst daran geglaubt hat. Danach glaubte auch seine Umgebung an ihn. Den Rest erledigten Rücksichtslosigkeit und Gewalt.

Joseph Smith, der Gründer der Mormonen-Kirche, wurde sogar gelyncht wegen seiner verstörenden Ansichten, die sich zu einer Religion auswuchsen. Der Schundromanautor Ron Hubbard (Scientology) wurde der „Geistesgestörtheit“ verdächtigt. Die Beispiele könnte man fortsetzen.

Trump schlittert in die Rolle einer Art Religionsgründer hinein, denn er ist wie geschaffen dafür. Er baute sich schon lange vor der Abwahl als verehrungswürdiger Prophet auf, indem er meinte, dass er nicht schlagbar wäre. Wenn es dennoch passierte, so wäre es Betrug. Ein klassischer Fall von Zirkelschluss, was bereits auf eine Religion hindeutet, denn letztlich leben alle Religionen von einem oder vielen Zirkelschlüssen, à la „Woher weiß man, dass Gott existiert? – Steht ja schon in der Bibel! – Wessen Wort ist die Bibel? – Na, Gottes Wort, natürlich!“

Religionen sind eine Art Hilfswelt für „Arme im Geiste“, Zurückgelassene, Zurückgebliebene, Verzweifelte, die in einer den eigenen Wünschen adaptierten Welt leben. Heute würde man sagen, für „Unaufgeklärte“ und geistig frühgeprägte und dadurch geistig missbrauchte Kinder, die zwar über den Nikolo einmal aufgeklärt werden, aber nicht über den Super-Nikolo mit dem weißen Bart. Durch Prägung erreicht man geistige Normierungsniveaus, die noch immer sehr unterschätzt sind, weil sie stark in die Tiefe gehen. Konservative Kirchen wie die katholische und die evangelikale produzieren auf diese Weise alles, was unsere Gesellschaft heute mit Mühe und viel Geld wieder korrigieren muss: Misogyne Chauvis, fremdbestimmte Egomanen und Narzissten, autoritäre Erzieher ihrer Kinder, Rassisten, bildungsfeindliche Stiernacken und rückwärtsgewandte Wähler, statt selbst denkender Bürger.

Vor allem aber sind Religionen Parallelwelten, in denen „Auslegung der Schrift“ herrscht und damit das intellektuelle Chaos, in dem Begriffe wahllos gebraucht und ausgetauscht werden, je nach Gutdünken. In bestimmten Fällen, wenn redliche Argumentation Mangelware wird, zeigt man die Bibel, wie Trump Anfang Juni hinter dem Weißen Haus. „Donald Trump hält die Bibel hoch, …. So macht es ein Messias, der glaubt, ihre Geschichte fortschreiben zu dürfen. Egal wie.“ (Die Zeit am 3. Juni 2020).

Ähnlich wie wir die Evolution heute als beobachtbares Phänomen von Viren im Alltag serviert bekommen, kann man hier die ersten Wochen einer evolvierenden Religionsgründung mitverfolgen. Ein spannendes Ereignis, aber gleichzeitig ist es ein verdammt gefährliches, wenn man bei der Agglomeration von Millionen Zusehen muss, die geistig in der Falle sitzen und bei denen Teile zu allem fähig sind, wenn nur der Guru es erlaubt oder es dem Angebeteten nützt. Man muss miterleben, wie Menschen zu den berühmten Schafen der Bibel werden. Der Zuseher erschaudert beim Anblick des Ungeheuers, wie es tausende Anhänger zu anleitbaren Zombies umfunktioniert, deren Großhirn – sicher in diesem Fall ein Euphemismus – völlig die Kontrolle über das Stammhirn verloren hat.

Es hat etwas vom Archaisch-Monumentalen, ein für einfache Gemüter sicher zutiefst emotionales Highlight, wenn Menschen wie einst in Urzeiten sich als Stamm erleben, ihr mageres Bisschen Persönlichkeit im Strom der Masse aufgehen lassen und aus tiefster Seele ihre Wut hinausbrüllen können. Es hat etwas Atavistisches an sich, wenn alle endlich die vermaledeite Wirklichkeit verbiegen können. Angst ist die Knute, die alles zusammenhält und jede Vorwärtsbewegung im Kreis gehen lässt, jeden kreativen Gedanken an einen Ausweg aus der Situation abtötet.

Ist es die Geburt einer Religion oder das rasche Ende? Bei der Geburt – vor der typischen immunisierenden Camouflage – kann ich die wahre Natur von Religionen erkennen. Die sieben Zeichen von Religion, dieses schwer zu diagnostizierenden Phänomens, sind (wie beim Trumpismus beispielhaft zu beobachten):

  1. Fremdbestimmung

2. Realitätsprobleme

3. Bildungsferne

4. Vertikales Gesellschaftsbild

5. Statisches oder rückwärtsgewandtes Denken

6. Stammesdenken

7. Wahrheitsbesitz

Niemand ist so schlecht, dass er als schlechtes Bespiel nicht noch gute Dienste leisten könnte. Trump hat beispielhaft die Verwandtschaft von Religion und autoritärer Politik verkörpert.

Warum man statt Religion den Ethikunterricht wählen sollte

Unter dem Titel „Ich glaube – Ja“ engagiert sich „Schul-Bischof“ Wilhelm Krautwaschl gemeinsam mit der Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung (IDA) Andrea Pinz für die Kampagne der katholischen Kirche.  Die Aussagen in dieser Kampagne lassen kirchenkritische Menschen aufhorchen.

Der  Humanistische Verband Österreich (HVÖ) hat dazu einen Kommentar verfasst, der die Werbeaussagen des Folders ins Licht rückt, das für die Schule vorgesehen ist, in das Licht der Aufklärung (kommt von „Aufklarung“ im Gegensatz zu „Verklärung“, das Gebiet auf dem die Kirche dominiert).

Wenn jemand  Werbung für den Religionsunterricht (RU) machen darf, heißt das folgerichtig, dass man auch für den Ethikunterricht (EU) Werbung machen darf. Der HVÖ ist seit vielen Jahrzehnten für den EU eingetreten. Wir das bei uns so Sitte ist, versuchen wir auf Basis von Evidenz zu argumentieren.

Zuvor aber noch einige generelle Bemerkungen zum Religionsunterricht (RU).

  • Wer Religion in dem öffentlichen Ort „Schule“ lehrt, verstößt gegen das Prinzip „Religion ist Privatsache“,  denn alle haben verschiedene Religionen und Identitäten. Der Staat garantiert die Religionsfreiheit und die Freiheit von Religion, aber er darf sich nicht mit einzelnen verbünden. Indem er aber einzelne Religionen zulässt ja fördert und andere nicht, verstößt er gegen das Prinzip der Religionsneutralität.  Dieses Prinzip und die sogenannte Säkularität, also die Trennung von Kirche und Staat, garantieren aber Religionsfrieden und Gerechtigkeit. Staaten, die dagegen handeln und sich mit Religionen verbünden, wie Iran, Pakistan oder Saudi-Arabien, enden als Unrechtsstaaten. Religion hat in der Politik nichts verloren.
  • Eines der wichtigsten Ziele der Schule heute ist die Integration aller Kinder in die Gemeinschaft. Die Klassengemeinschaft ist ein wichtiges Gut, an dem man arbeiten muss. Im EU wird nicht nur eine Religion durchgenommen, sondern auch andere aus neutraler Sicht. Dadurch wird das Verständnis für den anderen gefördert und die Gemeinschaft für das Zusammenleben später im realen Leben  vorbereitet. Nichts ist so wichtig für die Integration von Schüler*innen wie die Kenntnis anderer Religionen und Anschauungen, über die man sich auch austauschen sollte.
  • Die Schule hat die Aufgabe, Kindern Bildung und Erziehung angedeihen zu lassen. Der Staat kann und darf sich nicht an der Missionierung, im schlimmsten Fall an der Indoktrination von Kindern beteiligen. Auch wenn die Religionsgemeinschaften das abstreiten, so findet doch eine Indoktrination der Kinder statt. Es werden Mythen als Wahrheit dargestellt, es werden Geschichten von Ignoranten von vor 2000 Jahren ernst genommen, so dass das Prinzip „Kinder haben das Recht auf Wahrheit!“ verletzt wird. Die Gefahr besteht, dass aus den Kindern Erwachsene werden, die glauben, dass das Alter der Erde 6000 Jahre ist, weil man das so aus der Bibel ableiten kann. Dass die Gefahr real ist, sieht man in den USA, wo 40% – 50% an diesen Unsinn glauben.
  • Solche Entwicklungen haben horrende Konsequenzen, wie man ebenfalls in den USA sehen kann. Ein Mann, so korrupt, rassistisch und unkorrekt er auch sein mag, braucht nur ein ideologisches Stöckchen wie „abortion“ (wir nennen es „women´s choice“) werfen und 40% der Bevölkerung macht Männchen, um das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen, ohne sich mit der komplizierten Materie auseinanderzusetzen. Das ist gefährlich. Ideologie und Religion soll sich in einer Demokratie jeder selbst bilden und nicht durch andere geschulmeistert werden. Dazu braucht es neutrale und objektive Bildungsinhalte und nicht Glaubenssätze.
  • Religion ist nicht unpolitisch, sie hat ungeheure Konsequenzen, wenn man sie ernst nimmt. Das ist in Europa nicht mehr in dem Maß der Fall wie in den anderen Erdteilen. Der Grund ist klar: Religion hat nur Chancen, wenn der Bildungsstandard niedrig ist. Die Religiosität korreliert mit der  Armut und nimmt mit der Bildung ab. (Religiosity Study Gallup Interntional Dublin). Religion korreliert auch mit der Totalitarität eines Staates. Totalitäre Politiker bedienen sich oft der Religion als Mittel die Massen zu beherrschen. Dafür gibt es zahllose Beispiele.
  • Wir lassen auch keine politische Werbung in der Schule zu. Die Kinder und Jugendlichen sollen sich ihre Meinung selbst bilden. Das wird zwar vom Elternhaus beeinflusst, aber nicht von der Schule. Wir würden uns schön bedanken, wenn wir Kinder nach der politischen Einstellung der Eltern unterrichten müssten. Dann gäbe es eine Einteilung der Kinder nach konservativen, sozialistischen, grünen und liberalen Kindern, die jeweils politische Bildung in ihrem eigenen Fach unterrichtet bekämen. Nein, das Fach heißt nicht „Konservativismus“, „Sozialismus“ etc. sondern es heißt „Politische Bildung“ und darin werden, analog dem Ethikunterricht alle politischen Anschauungen dargestellt.

Klerikal-konservatives Weltbild versus angewandten Humanismus

Klerikal-konservatives Weltbild versus angewandten Humanismus

12 Argumente für die Abschaffung des Verbots des assistierten Freitods

Am Donnerstag, dem 24.09. 2020, wurde vor dem Verfassungsgerichtshof in Wien über das Verbot der Sterbehilfe [verhandelt] (https://www.nachrichten.at/politik/innenpolitik/sterbehilfe-vfgh-hinterfragt-verbot-der-mitwirkung-am-suizid;art385,3304918. Ein diesbezügliches Urteil ist erst in den nächsten Wochen zu erwarten. Im Vorfeld gab es rege Debatten in den Medien. Auffallend war das argumentative Niveau des Diskurses. Offenbar war den Konservativen jedes noch so fragwürdige Argument recht, wenn es nur um die Verteidigung ihres weltanschaulichen Heimatbodens ging. Hier wird versucht die in diesem Zusammenhang vorgebrachten Argumente aus humanistischer Sicht zu bewerten:

  1. Die Würde des Menschen wird in unserem Rechtssystem in besonderer Weise geschützt. Sie wird durch den Einzelnen für sich selbst definiert. Würde bedeutet rechtstheoretisch, dass der Einzelne die Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Recht auf Selbstbestimmung, Schutz vor Folter und Hinrichtung genießt. Würde kann daher nicht durch jemand anderen als durch den Patienten selbst definiert werden. Wenn also ein Palliativmediziner sagt, dass man in seiner Einrichtung “in Würde sterben“ kann, dann kann das für manche gelten, für andere nicht. Seine subjektive Einschätzung ist nicht maßgebend.
  2. Die Senkung der Suizidrate ist kein Selbstzweck und ist nirgendwo als gesellschaftliches Ziel festgelegt. Die Suizidrate eo ipso ist nur ein Symptom. Andere Werte wie die Würde des Menschen könnten dieses Ziel aufwiegen.
  3. Die Zahl der Optionen wird durch die Aufhebung des Verbotes erhöht (weltweite “Pro-Choice“ Bewegung). Eine Einengung ist per definitionem kein Fortschritt. Manche Patienten sehen gerade in der Erweiterung der Optionen den entscheidenden Fortschritt, der die Lebensqualität bis zum Ende erhöht (auch wenn der letzte Schritt nie in Anspruch genommen wird).
  4. Öffnung der Büchse der Pandora – Sie ist offen. Fortschrittliche Länder haben sie geöffnet. Jetzt gibt es schon Wege, sich das Leben zu verkürzen (diese existieren allerdings nur als “Hintertürchen“ und nicht als ein gesellschaftlich anerkanntes Element des Lebensendes). In dieser Situation sich dieser Möglichkeiten zu bedienen, ist aber in der Tat würdelos. (Fahrt in die Schweiz, um sterben zu können oder Behandlung von Infektion ablehnen)
  5. Angst vor Missbrauch? – Diese ist immer berechtigt. Die Menschen haben aber immer Mittel und Wege gefunden, Missbrauch gering zu halten. Es wurde trotz Missbrauchsgefahr eingeführt: Internet, Heiratsvermittlung, Autobahnen, Spielautomaten, Geldscheine, Mietwohnungen, Internetspiele, Casinos, Religionen, Telefonkurzwahlen, Banken, e-cards, Ministranten, SUV´s u.v.a.
  6. Druck auf Ärzte, Druck auf Verwandte – Es braucht klare und gut überwachte Regeln. Das Problem ist bereits in vielen Ländern seit Jahren gelöst und die Handhabung ist gut geübter Usus.
  7. Ist das Verbot noch zeitgemäß? – Nein, im 21. Jh. wird sich der Einzelne nicht mehr religiös inspirierten Geboten unterwerfen, auch religiöse Menschen verweigern in hohem Maße Gebote der Religionsgemeinschaften, wie Sexualmoral, Begräbnis- und Heiratsvorschriften, Sonntagsmesse, Konsumierung der Sakramente wie Beichte, Kommunion und Krankenölung etc.
  8. Warnung vor Geschäft – Georg Kreissler hat einmal gesagt: “Das Geschäft der Kirche ist der Tod!“ Daher ist die Kirche hier Partei und kein guter Ratgeber im Sinne der Menschen.
  9. Religion – Sie hat in einem säkularen Staat ihre Gläubigen zu vertreten, aber nur diese. Für alle gilt Religionsfreiheit und das heißt auch “Freiheit von Religion“. Sollte die Kirche hier einen dogmatischen Standpunkt einnehmen, dann kann das für das Image der Kirche abträglich sein, denn immerhin haben bereits mehrere Untersuchungen gezeigt, dass das Volk das Verbot des assistierten Suizids mehrheitlich deutlich ablehnt.
  10. “Freiheit überfordern“ – Es wurde gewarnt, man solle die “Freiheit nicht überfordern“. Welches Menschenbild steht hinter so einer Formulierung? Offenbar das einer Herde, die auf den guten Hirten hört, während das gesellschaftliche Ideal, dem wir mehrheitlich heute folgen, das eines aufgeklärten, informierten und selbstbestimmten Menschen ist, dessen Persönlichkeit respektiert wird und dessen Grundrechte unangetastet werden und bleiben.
  11. Schutz des Lebens – Der “Schutz des Lebens“ ist als Dogma ungeeignet, vor allem, wenn es aus einer Ecke kommt, die Waffen segnet und für die Todesstrafe eintritt. Der Schutz des Lebens ist als Kategorie zu simpel. Denn die wenigsten Menschen haben eine “Lebensverlängerung unter allen Umständen“ als Ziel. Das Ziel heißt eher “Lebensqualität“. Die hängt in hohem Maße mit Selbstbestimmung zusammen.
  12. Freier Wille – Es ist schon merkwürdig, dass die Anhänger eines freien Willens, eine Folge des “Sündenfalls im Paradies“, der überhaupt eine Voraussetzung für die Existenz von Sünde ist, dann den freien Willen einengen wollen, wenn der Mensch ihn am meisten braucht.

Gerhard Engelmayer

Vision Ethikunterricht in Österreich

Hier sei eine Vision von einem echten Ethikunterrichtsideal aufgezeigt, wie es im Sinne der Schüler und Schülerinnen und der Lehrer sowie der Mehrzahl der Eltern wäre:

Der Wahnsinn einer Schulorganisation mit 15 und wahrscheinlich bald noch mehr verschiedenen Religionsunterrichten von anerkannten Religionen wird abgeschafft, was zu einer ungeheuren Erleichterung in der Organisation des Schulalltages und zu einer Kostenreduktion führt.

Anstatt dessen wird ein flächendeckender Ethik- und Religionenunterricht eingeführt, der das Wissensgebiet, nicht aber das Glaubensgebiet Religionen umfasst. Der Staat soll in einem säkularen Staat neutral  sein, das geht nur, wenn er keine Religion privilegiert. Der Religionsunterricht wird – wie in Luxemburg – in die Verantwortung der Religionsgesellschaften zurückgelegt.

Der Glaube einer Religion muss im Sinne der Religionsfreiheit, die der Staat garantiert, eben durch diese Religions-Neutralität gesichert werden und der Staat darf sich nicht mit einzelnen Religionen verbünden, auch nicht, wenn sich diese in der Vergangenheit Verdienste erworben haben. Staaten, die sich an diese Regel halten, sind erfolgreich. Eine Binsenweisheit besagt,  je theokratischer Staaten sind, umso totalitärer und umso weniger erfolgreich sind sie auf allen Linien.

Der vorliegende Gesetzesentwurf dient den Fundamentalisten der gesetzlich anerkannten Religionen, nicht aber den Betroffenen. Es wird das schon bisher komplizierte System weiter verkompliziert und verteuert. Die Trennung von Staat und Religion tut nicht nur der Gesellschaft gut, sondern auch den Religionsgesellschaften. Mit dieser Vision werden alle absehbaren  Probleme gelöst:

  1. Integration. Der Staat sorgt für die geistige Integration der jungen Leute im Sinne der Aufklärung und erzieht sie im Sinne einer Pädagogik der gegenseitigen Verständigung, der Diskussionskultur und des Respektes.
  2. Sozialisation. Wissen über den Anderen führt zu einer besseren Sozialisation, die nicht gegeneinander, sondern miteinander Erkenntnisse des besseren Zusammenlebens erarbeitet. Gegenwärtig wird Religion häufig als Schutzschild für nationale und ethische Partikularinteressen missbraucht.
  3. Gewissenskonflikte. Die Lehrer, die im Sinne der Religionsgesellschaften möglichst beide Fächer unterrichten sollen, kommen nicht mehr in einen Gewissenskonflikt. Ein guter Ethiklehrer kann kein guter Religionslehrer sein und umgekehrt, weil Ethik als wissenschaftliche Disziplin einen kritischen Umgang mit der Materie voraussetzt und der Glaube der Religion auf die unkritische Annahme von sog. „Glaubens-Wahrheiten“ setzt, die nicht weiter hinterfragt werden dürfen.
  4. Qualität. Ein fachlich hochstehender Ethik-Unterricht wäre möglich, wenn der Unterricht nicht in Konkurrenz zum Religionsunterricht steht, weil nicht zwei Fächer gegeneinander kämpfen dürfen, was die Kinder und Jugendlichen eher verwirrt als sie zu bilden. Das gleiche gilt für ultrakonservative Religionsgruppen, die sogar die Evolutionstheorie in Abrede stellen wollen.
  5. Demokratie. Der Staat als Schulträger fördert nicht mehr anti-demokratische Glaubensinhalte. Bei manchen Religionslehrern war das ein Problem. Korchide fand z.B. 2009 heraus, dass 25% der Religionslehrer Islam und Demokratie für unvereinbar halten. Der Ethikunterricht muss nach einem staatlich akkordierten Lehrplan unterrichtet. Das sind Fakten.
  6. Diskriminierung durch Notengebung. Neue Probleme würden vermieden, die durch die Neudefinition des Begriffes „Pflichtfächer“ geschaffen werden. Das hat eine diskriminierende Notenbewertung zu Ungunsten der konfessionsfreien SchülerInnen zur Folge. „Religionsschüler“ würden im Schnitt einen besseren Notenschnitt erreichen als die „Ethikschüler“, eine Regelung, die sicher ohnehin nicht vor dem Verfassungsgerichtshof hält.

 

Statement des Humanistischen Verbandes HVÖ zum Begutachtungsverfahren des Ethikunterrichtsgesetzes vom Juni 2020

Die Humanisten des Humanistischen Verbandes Österreich HVÖ sind wütend. „Die Regierungsvorlage zum Ethikunterricht zwingt Nicht-Religiöse zu einem Ersatz von etwas, was nicht ihre Sache ist.“ Sagt Gerhard Engelmayer, der Präsident des HVÖ. „Gleichzeitig betont sie die Wichtigkeit von Ethikunterricht, schließt aber alle Religiösen dabei aus.“

Es ist ein fauler Kompromiss, der weder pädagogisch sinnvoll ist, noch die wichtige Frage der Integration von Andersgläubigen berücksichtigt, noch der Verfassung entspricht. Die Regierenden haben keine Lösung zustande gebracht, die die Experten vorgeschlagen haben, die den positiven Erfahrungen mit dem Schulversuch und den Erfahrungen im Ausland entspricht und die von der Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen wird.

Wieder blockiert die konservative Reichshälfte die längst fällige Einführung des Ethikunterrichtes für alle. So bleibt die Kirche, die in allen Umfragen verheerende Imagewerte erzielt, als politischer Faktor ein einflussreicher Hemmschuh österreichischer Politik. Das ist in einem sich als säkular verstehendem Staat ein Indiz dafür, dass die Verantwortlichen noch immer nicht verstanden haben, was einen modernen pluralistischen Staat ausmacht: Die religionspolitische Neutralität! „Religion hat als Glaubensinstitution in der Schule genauso wenig verloren wie am Gericht oder im Spital“, so Engelmayer. Lehrer, die die Religion ernst nehmen, sind eine Gefahr, die, die dies nicht tun, verschwenden die Zeit.

Ein rund 20 jähriger Schulversuch „Ethikunterricht“ hat durchwegs positive Resultate erzielt, wie aus der Evaluierung von Prof. Anton Bucher von der Universität Salzburg „Ethikunterricht in Österreich“ aus 2014 hervorgeht. Ein überwältigender Anteil der Beteiligten hat in Buchers Untersuchung für den Ethikunterricht für alle gestimmt, dieses Ergebnis wurde durch eine Untersuchung des Gallup Institutes unter der Bevölkerung Österreichs Ende Mai 20 eindrucksvoll bestätigt.

Schon in der Ethik-Enquete 2011 hat Österreichs Philosoph Nr. 1, Prof. Konrad Paul Liessmann, darauf hingewiesen: „Ethikunterricht kann kein Ersatz für den Religionsunterricht sein, weil Ethik kein Ersatz für Religion ist…. Gelingen kann Ethikunterricht nur, wenn man anerkennt, dass die Ethik seit der Antike Ausdruck des Willens der Menschen ist, die Fragen ihres Zusammenlebens weder einem Gott noch einer Kirche zu überlassen, sondern ihrer eigenen Souveränität und Vernünftigkeit zu überantworten.“ Diese Expertise des fachlich qualifiziertesten Wissenschaftlers Österreichs ist einfach beiseitegeschoben worden.

Das Wort „Ersatzfach“ wird früher oder später unvermeidlich die Klagen konfessionsloser Eltern provozieren. In Deutschland ist die Bezeichnung „Ersatzfach“ mit dem Urteil vom Juli 1998 schon gekippt worden.

Wenn der Ethikunterricht, wie von allen Seiten bestätigt, in unserer heutigen Zeit so viel Sinn macht und für die humanistische Entwicklung der jungen Menschen so wichtig gehalten wird, dann wäre es unverantwortlich, diesen Unterricht den religiösen Schülern und Schülerinnen vorzuenthalten, noch dazu, weil in diesem Unterricht viele Themen der Lebenskunde zur Sprache kommen (Werte, Sinnfindung im Leben, Diskussionskultur, Achtsamkeitsübungen etc.) .

Hier möchten wir besonders auf die Charta der Grundrechte der Europäischen Union verweisen. Schon daraus lässt sich ableiten, dass wir auf weltliche Art und Weise an die Grundwerte herangehen sollten, ohne dass wir damit die anerkannten Religionen in Frage stellen.