Die Grenzen der Religionsfreiheit

Gastkommentar in „Die Presse“ erschienen am 6.8.2016

von Gerhard Engelmayer

Die Religionsfreiheit wird auch seitens der Kirche als wichtig empfunden, obwohl von der Aufklärung gegen den Widerstand der Kirche durchgesetzt. In der Tat ist Religionsfreiheit für die moderne Welt eine der Stützen für ein friedliches Zusammenleben, vor allem in einer globalisierten Welt, in der es viele Religionen gibt, die alle behaupten, die Wahrheit zu vertreten. Die großen Kirchen haben sich damit arrangiert und halten Seminare ab, wie man zu einem friedlichen Zusammenleben mit anderen Religionen kommt, meist unter dem Titel „Dialog mit ….“.

Dass es Menschen gibt, die solche Seminare gar nicht brauchen, liegt daran, dass sich diese Menschen  heraushalten und anderen keine Vorschriften machen wollen, was sie zu denken und zu tun haben. In Anlehnung an Farkas könnte man formulieren, dass die Religion uns von den Problemen befreit, die wir ohne sie gar nicht gehabt hätten. Diese Menschen schwören auf Religion im stillen Kämmerlein oder überhaupt auf Religionsabstinenz.  Aber sie schwören auch wie einst Voltaire darauf, dass sie ihr Leben dafür geben wollen, dass der andere seine Meinung sagen kann, auch wenn sie diese für falsch oder vielleicht sogar für kompletten Stuss halten.

Freiheit von Religion

Dafür ist wichtig, dass es nicht bloß Freiheit für Religion gibt, sondern auch Freiheit von Religion. Viele Religionen tun sich damit schwer und wollen – auf gut österreichisch – das Semmerl und das Weckerl. Man kann nicht die Freiheit der Religion in Anspruch nehmen und die Freiheit von Religion verweigern. Auch bei größter Toleranz muss man der Religion Grenzen ziehen, vor allem dann, wenn Menschen aus einem Land kommen, in dem mir als Atheisten der Tod drohte. In den meisten Ländern haben Atheisten noch mit großen Nachteilen im Berufsleben zu rechnen.  Ein Mormone, der an die Offenbarung eines Joseph Smith auf zwei vergrabenen Goldplatten glaubt, wonach die Ureinwohner Amerikas aus Palästina stammen, kann jederzeit Präsident werden, nicht aber ein Atheist.

Einwanderer müssen nicht die gleiche Kultur haben und Paralellgesellschaften gibt es eine ganze Menge. Aber sie müssen die gleichen Werte vertreten, die unsere Gesellschaft zusammenhält, dazu gehören die Religionsfreiheit mit der Freiheit von Religion. Egal, ob blau, grün, rot oder schwarz: Menschen, die andere verachten, weil sie ungläubig sind, disqualifizieren sich selbst für das Leben in Österreich, schon allein deshalb, weil sich nach einer Umfrage 53% als Ungläubige sehen (Gallup Int´l. 2012).

Religionsfreiheit klingt gut in den Ohren von Gläubigen, heißt aber natürlich nicht, dass sie tun können, was sie wollen oder was dem Religionsgründer an Abstrusitäten einfiel, wie Polygamie, Verletzung von Kindern, Zwangsehen und „Rachsucht gegen Nichtgläubige“, wie eine Schweizer Pastorin im SFR zum Erstaunen der Moderatorin ausführte. Religion wird leicht zum Freibrief für Attacken gegen andere, die die Religion nicht teilen, bis hin zu Mord und Terror unserer Tage, weil scheinbar von Gott gebilligt oder sogar beauftragt.

Was uns wirklich heilig sein sollte, ist die Religionsfreiheit und nicht die Religion. Denn diese tendiert immer dazu, sich und ihren Gott wichtiger zu nehmen als die Rechte eines Bürgers. Es wäre Zeit, nicht Gott, sondern die Säkularität in der Verfassung zu verankern.

Offener Brief an die Doyenne des österreichischen Journalismus Dr. Anneliese Rohrer

Sehr geehrte Fr. Rohrer,

Ich bewundere die Hartnäckigkeit mit der Sie in Österreich fundierte Kritik an allem und jedem üben, jetzt (in der Presse) sogar  an der Formulierung von ärztlichen Bulletins, was die Breite Ihres Kritikfeldes beschreibt.

Bitte korrigieren Sie mich, aber ich habe noch nie eine Kritik von Ihnen gelesen zum schlimmsten Missstand, den es in Österreich zu kritisieren gibt, nämlich die katholische Sozialisation, die uns den Boden für die meisten Missstände bereitet und die uns jedes Jahr Milliarden kostet. Offenbar haben Sie wie die meisten Österreicher  jene Brille auf, die einfach alles ausfiltert, was da an Bigotterie, Doppelzüngigkeit, Realitätsferne und Unterwürfigkeit täglich den Sinn für die Welt trübt und Rückschrittlichkeit und Reformunfähigkeit nach sich zieht. Die Welt ist in Caritas-„Schwarz-Weiß“ eingefärbt und da ist die Kirche einfach blendend weiß, sie „tut ja so viel Gutes“. Dass unsere Kinder nach wie vor in 600 Stunden Religionsunterricht den unzeitgemäßen Schmarren in die Hirne gebürstet bekommen, statt zeitgemäßes eigenständiges und kritisches Denken zu lernen, das regt nicht einmal einen so kritischen Geist wie Sie auf. Wieso?

Dass in fast allen Zeitungen Bischöfe oder  Domherren einen nichtssagenden Senf ablegen können, so dass die Kirche auf einen ungeheuren share-of-voice kommt, stört auch niemanden. Mich auch nicht, solange man die Duftmarken auch entsprechend kritisiert und mit Hausverstand beurteilt. De facto ist aber alles Kirchliche von jeder Kritik ausgenommen, außer es handelt sich um schwere Verbrechen und selbst da dauert es oft ein Jahrzehnt, bis die Kirche zaghaft irgendetwas zugibt. Mehr noch, wenn die rote Lampe mit der Aufschrift  „Kirche“ an ist, schaltet das alle Hirne so automatisch aus, wie die Lampe „Aufnahme“ die Leute zum Schweigen bringt. Dazu sagte Salman Rushdie: „Im dem Moment, in dem man einen Satz von Ideen für immun erklärt und der Kritik, der Satire, dem Spott und der Geringschätzung entzieht, wird das freie Denken unmöglich!“

Die Kirche, die im Mittelalter, als sie das Sagen hatte, Not, Elend, Unbildung, Rechtlosigkeit  und Krieg hervorgebracht hat, wird heute noch mit Steuergeld unterstützt, aus Gründen, die z.T. bis auf Josef II. zurückgehen. Die noch rückständigeren Religionen, die noch weiter vom demokratischen Bogen entfernt sind, müssen dadurch ebenso gefördert werden, obwohl dadurch das unselige System weiter perpetuiert statt abgeschafft wird. Noch verzwickter wird die Lage, wenn nun den Muslimen statt Säkularität „unsere“ Religion entgegengesetzt wird, wie es weiland Strache in der Brigittenau  tat, unsere Religion, an die im Innersten kein Mensch mehr glaubt, außer vielleicht Herr Stadler, und von der keiner eine Ahnung mehr hat, wodurch die wenigen Säkularen unter den Immigranten auch noch in die Religion hineingetrieben werden. Wir „produzieren“ also die Muslime teilweise selbst durch die Rechten und durch unser Kultusamt (über die automatische Zuordnung zum Islam und zur fundamentalistischen IGGiÖ).

In der Öffentlichkeit wird die Kirche immer als positiver Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung gehandelt.  Bei genauer Betrachtung ist das diametrale Gegenteil der Fall. Was wir jetzt brauchen in Europa gegen die Entwicklung der Rechtspopulisten, sind junge Menschen mit selbstständigem Denken, kritisch, selbstbewusst, kreativ und kooperativ. Was bei religiöser Erziehung herauskommt, ist Reibsand für eine moderne Gesellschaft. Sie fördert Fremdbestimmung, statisches Denken, ein vertikales Gesellschaftsbild, Stammesdenken und Wahrheitsbesitz, am katastrophalsten ist aber die der Religion innewohnende Bildungsfeindlichkeit. (z.B. boko haram=Schule ist schlecht).

Am schlimmsten aber ist die Verharmlosungskampagne, die allerorts geritten wird. Die Religion als Mittel gegen Fundamentalismus einzusetzen, hieße den Bock zum Gärtner zu machen.  Wie soll man die religiösen Gedanken in ihrer Intensität kontrollieren, wenn sie einmal ins Hirn gepflanzt sind? Religion hat immer nur sich selbst im Sinn und nicht die Gesellschaft und ihr Wohlergehen. Das liegt auf der Hand, der Beleg ist einfach: die Kirche ist unfassbar reich, die Kommunen sind bettelarm.

Wenn jemand das Zeug dazu hätte, das System kritisch zu durchschauen und ungefiltert die Lage zu beurteilen, dann sind Sie das. Ich schätze Sie haben auch den Mut dazu. Die meisten Journalisten sind zwar politisch unabhängig, aber nicht unabhängig von der Kirche, sie sitzt in der einen oder anderen Form in fast jeder Zeitung und wenn nicht, dann im Hinterkopf, die Leute haben einfach  Angst vor ihr. Wie sagt man doch so schön in Wien?  „Nur net anstreifen an die Kirche!“

Das hat zur Folge, dass Humanisten in der Öffentlichkeit praktisch nie zu Wort kommen und dass bestenfalls einmal ein dünner Leserbrief erscheint, während  im Moment gerade im Fernsehen die stundenlange Übertragung der Heiligsprechung einer sadistischen Egomanin läuft, die zu ihren Patienten gesagt hat, dass „euer Leiden euer Gebet zu Gott ist!“ Das ist alles bekannt, aber verhallt am Lärmpegel der Kirchen.

Nicht, dass die Menschen das nicht kapieren, nein, in Österreich sind mehr als die Hälfte (exakt 53% ) unreligiös oder atheistische eingestellt, trotz der medialen Behämmerung. Bei der Kirche sind noch 59% der Bevölkerung, aber nur rund 10% praktizieren den Glauben. Der Rest sind Taufscheinchristen. Der „Markt“ ist also da, aber es kommt zu keiner Öffentlichkeit für den Humanismus. Die Prägung durch die katholische Kirche ist noch so stark, dass es zumindest dazu reicht, dass „alle die Hände falten und die Gosch´n halten“.  Es würde einige bekannte und mutige Leute brauchen, die auch anderen Mut machen, sich für eine Anpassung der Strukturen einzusetzen.

Wenn Sie, wie ich, schon mehrere atheistisch-humanistische Großveranstaltungen gemacht haben und im ORF angerufen haben, ob sie etwas darüber bringen wollen, dann wird Ihnen gesagt, dass für Sie die Religionsabteilung zuständig ist, offenbar handelt es sich um eine Außenstelle von Kakanien. Wenn Sie diesen Schenkelklopfer in Gesellschaft erzählen, zucken die Leute mit den Achseln: „Ja, das Absurde gehört eben zu Österreich!“  Diese Kultur verdummt uns systematisch.

Wir brauchen daher Verbündete in der Presse und in der Meinungsbildung generell. Sind Sie eine?

Wenn ja, dann würde ich Ihnen gerne mehr Schreibenswertes nahebringen.

Schöne Grüße und
„ich achte Sie!“ (humanistischer Gruß)

Gerhard Engelmayer

Offener Brief an die Doyenne des Journalismus Dr. Anneliese Rohrer

Sehr geehrte Fr. Dr. Rohrer,

Ich bewundere die Hartnäckigkeit mit der Sie in Österreich fundierte Kritik an allem und jedem üben, jetzt (in der Presse) sogar  an der Formulierung von ärztlichen Bulletins, was die Breite Ihres Kritikfeldes beschreibt.

https://www.parlament.gv.at/SERV/FOTO/VER/565791/3987824_500.jpg Dr. Anneliese Rohrer

Bitte korrigieren Sie mich, aber ich habe noch nie eine Kritik von Ihnen gelesen zum schlimmsten Missstand, den es in Österreich zu kritisieren gibt, nämlich die katholische Sozialisation, die uns den Boden für die meisten Missstände bereitet und die uns jedes Jahr Milliarden kostet. Offenbar haben Sie wie die meisten Österreicher  jene Brille auf, die einfach alles ausfiltert, was da an Bigotterie, Doppelzüngigkeit, Realitätsferne und Unterwürfigkeit täglich den Sinn für die Welt trübt und Rückschrittlichkeit und Reformunfähigkeit nach sich zieht. Die Welt ist in Caritas-„Schwarz-Weiß“ eingefärbt und da ist die Kirche einfach blendend weiß, sie „tut ja so viel Gutes“. Dass unsere Kinder nach wie vor in 600 Stunden Religionsunterricht den unzeitgemäßen Schmarren in die Hirne gebürstet bekommen, statt zeitgemäßes eigenständiges und kritisches Denken zu lernen, das regt nicht einmal einen so kritischen Geist wie Sie auf. Wieso?

Dass in fast allen Zeitungen Bischöfe oder  Domherren einen nichtssagenden Senf ablegen können, so dass die Kirche auf einen ungeheuren share-of-voice kommt, stört auch niemanden. Mich auch nicht, solange man die Duftmarken auch entsprechend kritisiert und mit Hausverstand beurteilt. De facto ist aber alles Kirchliche von jeder Kritik ausgenommen, außer es handelt sich um schwere Verbrechen und selbst da dauert es oft ein Jahrzehnt, bis die Kirche zaghaft irgendetwas zugibt. Mehr noch, wenn die rote Lampe mit der Aufschrift  „Kirche“ an ist, schaltet das alle Hirne so automatisch aus, wie die Lampe „Aufnahme“ die Leute zum Schweigen bringt. Dazu sagte Salman Rushdie: „Im dem Moment, in dem man einen Satz von Ideen für immun erklärt und der Kritik, der Satire, dem Spott und der Geringschätzung entzieht, wird das freie Denken unmöglich!“

Die Kirche, die im Mittelalter, als sie das Sagen hatte, Not, Elend, Unbildung, Rechtlosigkeit  und Krieg hervorgebracht hat, wird heute noch mit Steuergeld unterstützt, aus Gründen, die z.T. bis auf Josef II. zurückgehen. Die noch rückständigeren Religionen, die noch weiter vom demokratischen Bogen entfernt sind, müssen dadurch ebenso gefördert werden, obwohl dadurch das unselige System weiter perpetuiert statt abgeschafft wird. Noch verzwickter wird die Lage, wenn nun den Muslimen statt Säkularität „unsere“ Religion entgegengesetzt wird, wie es weiland Strache in der Brigittenau  tat, unsere Religion, an die im Innersten kein Mensch mehr glaubt, außer vielleicht Herr Stadler, und von der keiner eine Ahnung mehr hat, wodurch die wenigen Säkularen unter den Immigranten auch noch in die Religion hineingetrieben werden. Wir „produzieren“ also die Muslime teilweise selbst durch die Rechten und durch unser Kultusamt (über die automatische Zuordnung zum Islam und zur fundamentalistischen IGGiÖ).

In der Öffentlichkeit wird die Kirche immer als positiver Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung gehandelt.  Bei genauer Betrachtung ist das diametrale Gegenteil der Fall. Was wir jetzt brauchen in Europa gegen die Entwicklung der Rechtspopulisten, sind junge Menschen mit selbstständigem Denken, kritisch, selbstbewusst, kreativ und kooperativ. Was bei religiöser Erziehung herauskommt, ist Reibsand für eine moderne Gesellschaft. Sie fördert Fremdbestimmung, statisches Denken, ein vertikales Gesellschaftsbild, Stammesdenken und Wahrheitsbesitz, am katastrophalsten ist aber die der Religion innewohnende Bildungsfeindlichkeit. (z.B. boko haram=Schule ist schlecht).

Am schlimmsten aber ist die Verharmlosungskampagne, die allerorts geritten wird. Die Religion als Mittel gegen Fundamentalismus einzusetzen, hieße den Bock zum Gärtner zu machen.  Wie soll man die religiösen Gedanken in ihrer Intensität kontrollieren, wenn sie einmal ins Hirn gepflanzt sind? Religion hat immer nur sich selbst im Sinn und nicht die Gesellschaft und ihr Wohlergehen. Das liegt auf der Hand, der Beleg ist einfach: die Kirche ist unfassbar reich, die Kommunen sind bettelarm.

Wenn jemand das Zeug dazu hätte, das System kritisch zu durchschauen und ungefiltert die Lage zu beurteilen, dann sind Sie das. Ich schätze Sie haben auch den Mut dazu. Die meisten Journalisten sind zwar politisch unabhängig, aber nicht unabhängig von der Kirche, sie sitzt in der einen oder anderen Form in fast jeder Zeitung und wenn nicht, dann im Hinterkopf, die Leute haben einfach  Angst vor ihr. Wie sagt man doch so schön in Wien?  „Nur net anstreifen an die Kirche!“

Das hat zur Folge, dass Humanisten in der Öffentlichkeit praktisch nie zu Wort kommen und dass bestenfalls einmal ein dünner Leserbrief erscheint, während  im Moment gerade im Fernsehen die stundenlange Übertragung der Heiligsprechung einer sadistischen Egomanin läuft, die zu ihren Patienten gesagt hat, dass „euer Leiden euer Gebet zu Gott ist!“ Das ist alles bekannt, aber verhallt am Lärmpegel der Kirchen.

Nicht, dass die Menschen das nicht kapieren, nein, in Österreich sind mehr als die Hälfte (exakt 53% ) unreligiös oder atheistische eingestellt, trotz der medialen Behämmerung. Bei der Kirche sind noch 59% der Bevölkerung, aber nur rund 10% praktizieren den Glauben. Der Rest sind Taufscheinchristen. Der „Markt“ ist also da, aber es kommt zu keiner Öffentlichkeit für den Humanismus. Die Prägung durch die katholische Kirche ist noch so stark, dass es zumindest dazu reicht, dass „alle die Hände falten und die Gosch´n halten“.  Es würde einige bekannte und mutige Leute brauchen, die auch anderen Mut machen, sich für eine Anpassung der Strukturen einzusetzen.

Wenn Sie, wie ich, schon mehrere atheistisch-humanistische Großveranstaltungen gemacht haben und im ORF angerufen haben, ob sie etwas darüber bringen wollen, dann wird Ihnen gesagt, dass für Sie die Religionsabteilung zuständig ist, offenbar handelt es sich um eine Außenstelle von Kakanien. Wenn Sie diesen Schenkelklopfer in Gesellschaft erzählen, zucken die Leute mit den Achseln: „Ja, das Absurde gehört eben zu Österreich!“ Diese Kultur verdummt uns systematisch.

Wir brauchen daher Verbündete in der Presse und in der Meinungsbildung generell. Sind Sie eine?

Wenn ja, dann würde ich Ihnen gerne mehr Schreibenswertes nahebringen.

Schöne Grüße und
„ich achte Sie!“ (humanistischer Gruß)

Gerhard Engelmayer

Vom Wert der Säkularität

Aslans Gastkommentar von Ednan Aslan  v. 7.7. 2016 in der „Presse“ mit dem Titel  „Wer nicht mit dem Gesetz Gottes regiert . . .“ ist eine Sternstunde abendländischer Religionsgeschichte. Er führt die Muslime direkt in die Arme aufgeklärter Gemeinschaften. Und zwar auf dem Weg auf dem sich alle Religionen der Welt weiterentwickelt haben: Durch Neuinterpretation der Offenbarung.
Schon richtig, dass Religionen damit einen Mimikry-artigen Versuch unternehmen, auf Basis der gegebenen Realitäten die geistigen Errungenschaften für sich zu vereinnahmen. Das werden ihnen Humanisten anzulasten versuchen und ihnen ein falsches Spiel unterstellen. So geschehen im Christentum, als Apologeten Geschichtsklitterung betrieben, indem sie behaupteten, die Aufklärung wäre ja auch eine Errungenschaft des Christentums gewesen. In Wahrheit wurde sie gegen den erbitterten Widerstand der Kirche und mit größten Opfern, auch Todesopfern, durchgesetzt. Ein zweites Beispiel ist die Umweltverschmutzung, die vor rund einem Jahrzehnt eine Erfindung der Kirche wurde, unter dem Titel „Bewahrung der Schöpfung“. Bis dahin haben wir uns bibelgemäß „die Erde untertan gemacht“.

Dieser Prioritätsschwindel tut weh. Aber Religionsgemeinschaften haben nicht den gesellschaftlichen Auftrag, Wahrheiten zu suchen, sondern nur theologisch vereinbarte zu verbreiten. Die Genese der Wahrheiten interessiert Gläubige nicht. Wichtig ist, dass es Leute wie Johannes XXIII., Papst Franciscus oder eben Ednan Aslan gibt, die gesellschaftliche und wissenschaftliche Realitäten anerkennen wie demokratische Ordnung, Gleichstellung der Frau und Ächtung des Antisemitismus.  Friedrich Heer betonte, dass der Antisemitismus „von Theologen von oben in die Bevölkerung einsickerte“ und nicht aus dem Bedürfnis des Volkes heraus entstand. Ebenso ist es auch die Verantwortung der Kleriker diesen Irrweg abzustellen.

Kleriker schieben die Verantwortung auf Gott, wenn es ihnen ins Konzept passt. Dann heißt es, dass heilige Schriften unabänderlich seien. Das mag sein, aber Gott tritt uns in der Schrift in vielerlei Gestalt entgegen. Es ist Sache der Theologen die zeitgemäße Substantiation herauszufiltern und eine entsprechende Exegese daraus zu formen.

Das hat Aslan versucht, meines Erachtens in bravouröser Weise. Ein solcher Islam, nämlich ein apolitischer, ohne levantinische Hypotheken, wäre in ganz Europa vonnöten und würde die Problematik der Einwanderung und der Integration von „unlösbar“ auf „menschlich lösbar“ stellen.

Anstatt jedoch diesem Mann den Weg zu ebnen, ist er seitens der Orthodoxen Anfeindungen ausgesetzt. Leider ist der alleinige Ansprechpartner der Regierung die IGGIÖ, in der sich Orthodoxe, Muslimbrüder und Türkeiabhängige tummeln, die Aslan bekämpfen, wo es nur geht.

Die traditionelle Exegese lässt an Andersgläubigen und Atheisten kein gutes Haar. Unglaube ist die schlimmste Sünde. Eine pluralistische Gesellschaft braucht genau das Gegenteil. Deswegen ist eine funktionierende Gesellschaft, in der sich Menschen frei entfalten können, von Säkularität, also der politischen Entmachtung, nicht aber von der Bekämpfung der Religion abhängig. Es zeigt sich auf der ganzen Welt, dass von allen Politikern auf der Welt, Gott der schlechteste und kriegswütigste ist. (G.W. Bush an Beginn des Irak Feldzugs: „Gott will es!“). Alle erfolgreichen Staaten der Erde haben  Gott aus der Politik herausgehalten und ihr Erfolg ist sogar davon abhängig, in welchem Maße sie das gemacht haben.

Bischof Ägidius Zsifkovics definiert Gottlose als Terroristen! Aber er liebt dich!

Skandal der Sonderklasse:

Wie schon der Papst und der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen und viele andere hat der Bischof Ägidius Zsifkovics in skandalöser Weise alle Gottlosen als Verbrecher grundlos und pauschal beschimpft. In einem Bezirksblatt äußerte sich der Bischof, dass „Unsere Gedanken und Gebete den Opfern gelten, ihren Familien und Angehörigen“, so Zsifkovics, der diesen Terror als „Gipfel der Menschenverachtung und Gottlosigkeit“ bezeichnet. Gottlosigkeit ist für diesen Mann offenbar die unmittelbare Voraussetzung für solche Taten. Sein nachgesetzter Appell klingt echt, echt wie eine Verlautbarung aus dem Amt für Nächstenliebe: „Setzen wir dem umso entschiedener die eigentliche Macht, die Macht der Liebe entgegen.“
http://bit.ly/29YWbd3
10895261_web
Diese gedankenlose Äußerung ist in einer Welt, in der 53% nicht mehr an Gott glauben (Gallup Intl., Zahlen für Österreich 2012) nicht kommentarlos zu übergehen. Wir fordern den Herrn Bischof auf, diese seine Äußerung zurückzunehmen!
Gedankenlos erweist sich dieser Satz, weil er sich damit mit den Menschen auf eine Stufe stellt, die in Ungläubigen und Gottlosen pauschal schlechte Menschen und Hassobjekte sehen und aus deren Reservoir immer wieder Menschen radikalisiert werden können. Genau das hat auch die bekannte Nah-Ost-Expertin Karin Kneissl in der Presse von heute (16.Juli) zum Ausdruck gebracht in einem Artikel mit dem Titel: „Es beginnt immer mit der Verachtung der anderen“. 

Der gängige Religionsunterricht ist moralisch bedenklich

Religionspädagogik verkauft Kindern Dinge als Tatsachen , die keine Tatsachen sind. Die Pädagogen sind nicht ihrem Gewissen und der Wahrheit, sondern der Kirche verpflichtet. Das ist nicht ein Problem der Pädagogen, die oft sogar unter den Bedingungen leiden, sondern ein Problem der vollkommen überholten Regelungen.
Vielmehr gehört ein Religionen- und Ethikunterricht eingerichtet, der den Kindern Wissen über Religion vermittelt, nicht Religion selbst vermittelt. Das ist Mission von Wehrlosen, wieder im höchsten Maße amoralisch.
Mich hat schon in der Schule angekotzt, dass jeder in Religion einen Einser gekriegt hat, was in meinen Augen ein widerliches Einschleimen war und den Notenspiegel verzerrt hat.

Was heißt freiheitlich eigentlich wirklich?

Was wir Freidenker von jemandem halten, der „freiheitlich“ denkt? Dass er das Gegenteil von dem ist, was er vorgibt zu sein. Dass er nicht frei, sondern nur „freiheitlich“ denkt. Die Angabe, die Freiheit als Wert zu schätzen, ist in Wirklichkeit Hochstapelei. Wie sie dann zu ihrem Namen kommen? Hören Sie sich einmal einen Redner an, wenn er sagt, er möchte „nur noch ganz kurz“ einen Punkt „streifen“.  Jemand, der kurz ist in seine Rede, braucht keine Ansage, kurz sein zu wollen. Er ist es einfach.

Freiheitliche fürchten sich vor Freiheit, weil sie Herdentiere sind, laut Bibel Schafe mit ihren Hirten. Freiheitliche sind ohne einen Hirten, der sagt, wo es lang geht,  nichts. Deswegen Führerpersonen, deswegen vertikales Gesellschaftsbild, deswegen schwache Egos mit Paranoia.  Deswegen das entsetzliche Personal.

Aber woher der Hang zum Totalitären?

Die Denkraster einer vertikal magnetisierten Gesellschaftsordnung sind im Land der Gegenreformation (besser wäre „Zwangsrekatholisierung“) besonders tief eingeprägt. Mehr als die Hälfte der Österreicher sind mittlerweile ungläubig bis atheistisch. Aber  kulturell sind Österreicher noch immer in der Wolle katholisch gefärbt, glauben an die von oben „festgefügte“ Ordnung und an die „verordnete Wahrheit“.  Sie glauben an Anpassung und an die Möglichkeit den Verstand zu biegen, wenn es der eigenen Haut gut tut. Intellektuelle Redlichkeit? Fehlanzeige! In Österreich gibt gerade einmal eine Handvoll Universitätsprofessoren, die offen bekennen, Atheist zu sein.

Österreicher glauben an die Überlegenheit der eigenen Mittelmäßigkeit im Verbund mit höheren Mächten. Sie glauben noch immer zu viel und zweifeln zu wenig. Sie glauben an den Stamm statt an die Solidarität der Menschen. Im Stamm ist die Welt geteilt in Stammesmitglieder  und Nicht-Mitglieder, deren Verachtung vorprogrammiert ist.

Es ist das Leittier, das im Stammesdenken zählt, nicht das eigene Denken und die eigene Kraft. Einen Job zu bekommen, nennt man in Österreich irgendwo „unterzukommen“, was die Unterordnung von vorneherein beschreibt.

Die schlechte Performance der Regierungen a la Haider & Co ist schrecklich und kostet ein „Haiden“-Geld. Das ist aber nicht das Problem Nr. 1, das ist vielmehr die Irreversibilität.  Jede fair und human orientierte demokratische Gesellschaft muss 2 Grundspielregeln befolgen:

  1. Reversibilität – Machtpositionen müssen reversibel sein und
  2. Reziprozität – also salopp gesagt: „Was für dich gilt, gilt auch für mich“.

Genau hier hakt es:  Gerade wird uns vorgeführt, wie der katholisch und natürlich rechts orientierte Jaroslav Kaczynski innerhalb von wenigen Wochen gegen die Leitlinien der EU die demokratische Entwicklung ins Irreversible lenkt, wenn Korrektive wie das Verfassungsgericht trickreich ausgeschaltet werden oder alle Medien gleichgeschaltet werden. Ähnlich in der Türkei.

Warum sind es immer die Religiösen, die das Irreversibilitäts-Risiko darstellen? Weil sie selbst so erzogen wurden. Katholik ist man immer, das Mal der Taufe ist irreversibel und unauslöschlich! Nur der Staat garantiert die Reversibilität des Eintrittes in die Kirche. Beim Islam ist sogar mit ernsten Folgen zu rechnen, auf Apostasie steht meist der Tod.

Und: Der „wahre“ Glaube ist in seiner Natur immer intolerant. Ihre Glaubenswahrheiten vertreten sie absolut, Toleranz ist nicht vorgesehen, wenn man auch manchmal nicht darum herumkommt, wie gegenwärtig in Österreich.

Österreich mit einem intoleranten Machtmenschen an der Spitze, egal wie der heißt, das ist ein kultureller Abgesang des Landes. Es wäre die Quittung für die maßlose Förderung der religiösen Denk- und Lebensweisen in Milliardenhöhe jedes Jahr. Eine HYPO alle paar Jahre.  Statt unsere Demokratie zu fördern wird am Vormittag das religiös-totalitäre Gedankengut heiliger Bücher, in dem Gewalt eine Selbstverständlichkeit ist, an Kinder herangetragen. Am Nachmittag gibt es Kurse in Toleranz. Statt Poppers kritischen Rationalismus  als Österreich Export an die Welt zu feiern, wird ein religiöses Dialogzentrum am Ring gefördert.

Demokratie ist keine katholische Erfindung, es ist eine Erfindung der Aufklärung. Sie braucht Förderung in Form von Kindergärten, die humanistisch und säkular geführt sind, wie bis vor kurzem in Wien, in Form von Schulen, die kritisches Denken fördern, in Form von Medien, die eigenständig denkende Leser heranziehen, in Form einer Zivilgesellschaft, die sich für alle Belange der Demokratie-Kontrolle und – Weiterentwicklung einsetzt.  Und sie braucht vor allem Bildung.

Auf einem solchen Boden hätte ein Herr Hofer bei der Wahl in die Hofburg in den Augen der Wähler nicht die Rolle eines Favoriten, sondern bestenfalls die eines Unholds eingenommen.

 

Gerhard Engelmayer

Das „Rote Karte“ Wahl-System oder die Vorteile skeptischer Denksysteme

Ein Plädoyer für ein Wahl-System mit 2 Karten: eine Ja- und eine Nein-Stimme.
Es würde zu einer viel intelligenteren Abbildung des Wählerwillens führen. Kommunikation nur mit Ja ist per se dumm. 

Es fällt kaum jemandem mehr auf, dass die heutige Wahl-Methode wenig Sinn macht. Eher schon die Wirkung: Steigender Polit-Frust! Konkret bedeutet unser derzeitiges unintelligentes „Hurra!“- System auf die österreichische Situation umgelegt, dass Leute, die regelmäßig in den Zeitungsumfragen an letzter Stelle stehen, durchaus Chancen haben, Bundeskanzler zu werden. Ein eklatantes Versagen des Wahlsystems.

Das hängt mit der Art und Weise zusammen wie wir wählen: Unser Wahlsystem ist in der Wolle noch monarchistisch gefärbt. In den Anfängen ging es den Erfindern der Verfassung darum, den „Kaiser“ zu wählen, aber auf Zeit. Das erfordert nur Zustimmung.

Wir haben aber heute eine ganz andere politische Realität: Es geht darum, dass es in der Politik – ähnlich wie Churchill´s Demokratie – keinen „Besten“ gibt, sondern immer nur das kleinste Übel. Und wenn wirklich einmal einer als „Hero“ gewählt wird, vermutlich aus politfernen Gründen, dann kommt ein Berlusconi dabei heraus.

Was bei unserem System völlig untergeht, ist die Skepsis gegenüber wahlwerbenden Gruppen und die war und ist allemal das bessere Radar für politische Entscheidungen, besser als hingebungsvolles Vertrauen und Glauben an einen Führer. Historisch gesehen ist es eindeutig wichtiger, die Gauner und Populisten aus der Politik herauszuhalten als ein Idol zu küren, das meist keines ist, das wissen wir aus leidvoller Erfahrung. Dabei gäbe es sehr wohl cleverere Methoden: Eine ist das „Rote–Karte“ System.

Skepsis lässt sich prinzipiell nur durch  eine Negation ausdrücken. Wenn man also die Wirklichkeit des Volkswillens abbilden will, müssen wir vom Wähler verlangen, dass er bei der Wahl nicht nur dem Besten sein Vertrauen ausspricht, sondern auch seiner Skepsis Ausdruck verleiht, wenn es eine gibt („Rote Karte-Prinzip“). Der Wähler kann Vertrauen und Misstrauen bekunden.  Die Wahlbeteiligung würde steigen, da es für viele heute ein Frust ist, Ablehnung nicht ausdrücken zu können. (Was ist eine Sprache, in der das Wort nein verboten ist,  wert?) Die zahllosen „Interpretationen“ des sog. „Wählerwillens“ sind ein beredtes Beispiel dafür.

In Zeitungsumfragen wird das „Rote Karte System“ schon längst verwendet. Die cleveren Journalisten haben längst erkannt, dass das Gesamtvertrauen der Wähler eben nur durch eine Addition von Vertrauen und Misstrauen plausibel abgebildet wird.

Auch ein Wahlsystem folgt einer vorgefertigten Denkschablone, die in unseren Breiten auf Glauben basiert und nicht auf Skepsis. Diese Denkraster sind von der christlichen Sozialisierung abhängig und daher hartleibig. Knapp könnte man sie als Ja-Sager Methoden charakterisieren, was den Regierenden entgegenkommt. Mehr und mehr entgleitet ihnen aber das System durch die vielen Nicht-Wähler, die nur durch ein gerechteres System zufriedengestellt werden können.  Idealere Verfahren berücksichtigen auch die Mehrheiten von Ablehnungen.  Damit werden alle Stimmungen berücksichtigt, positive wie negative. Damit wird es unwahrscheinlich, dass jemand gewählt wird, der nur der gemeinsame Kandidat aller Frustrierten ist, also auch kein „Hero“ ist, wie das System ursprünglich wollte und von der relativen Mehrheit als schlechte Lösung angesehen wird. Indiz dafür ist, dass sogar die eigenen Wähler eben diesem Kandidaten regelmäßig die Kompetenz absprechen, Bundeskanzler zu werden.

Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Man stelle sich vor, man ist in einer Gruppe von 15 Leuten, die verschiedene Vorlieben haben. Vier wollen ans Meer (M) fahren, aber aus der Stadt (S) wollen sie auf jeden Fall hinaus. Fünf wollen auch unbedingt aus der Stadt raus, aber lieber in die Berge (B) fahren. Die restlichen 6 sind Stubenhocker, wollen in der Stadt bleiben, aber wenn schon aus der Stadt fahren, dann eher ans Meer. Was dabei herauskommt, entscheidet das Wahlrecht. Bei einem einfachen Mehrheitswahlrecht ist der Frust vorprogrammiert, denn dann bleiben alle in der Stadt. Dafür war ja die einfache Mehrheit von 6 Leuten. Aber 60%, also 9 Personen und damit die Mehrheit, müssen jetzt das machen, was sie partout nicht wollen: Stubenhocken in der Stadt.

Was soll die Gruppe machen? Das hängt davon ab, welchem Wahlrecht sie sich unterwirft. Hat man sich auf ein Mehrheitswahlrecht geeinigt, dann ist die Entscheidung klar: Alle bleiben in der Stadt. Denn dafür haben sich sechs von 15, also satte 40% entschieden. Für die Berge waren ja bloß fünf von 15, also nur 33,3%, und die restlichen vier von 15, die unbedingt ans Meer wollen, sind mit einem Anteil von 26,7% abgeschlagene Dritte.

Was Sie als ungerecht empfinden. Denn, so könnten Sie argumentieren, die Stadt wollten doch neun (4+5) hinter sich lassen, nur sechs wollten bleiben. Und wenn wir schon von der Stadt wegfahren, dann haben neben den vier, die ja unbedingt ans Meer wollten, die sechs Stadtmenschen wenigstens eher für das Meer als für die Berge votiert, das wären zwei Drittel der Gruppe. Hohe Ablehnungsgraten fallen unter den Tisch.

Beispiel Wahlrecht Favorisierung Prozent  bei 50% Ablehnungquote
Wähler Anzahl 1.Stelle 2.Stelle 3.Stelle Total 2.Wahl Ablehnung RK Wahl im Durchschnitt
Meer 4 Meer Berg Stadt 27% 73% 0% 27%
Berg 5 Berg Meer Stadt 33% 27% 40% 13%
Stadt 6 Stadt Meer Berg 40% 0% 60% 10%
Anzahl 15    
Prozent 100 100% 100% 100% 100%
bei Mehrheitswahlrecht Zustimmung minus 50% Ablehnung

Bei der Annahme von einer 50%igen Ablehnungsrate für jeden der Kandidaten würden dann bei dem angegeben Beispiel sehr wohl die „Meerfahrer“ gewinnen und nicht die „Stadtmenschen“, die „relative Gesamtzufriedenheit“ würde in diesem System näher dem Maximum liegen. Es wird bei diesem Wahlverfahren berücksichtigt, dass es Ergebnisse gibt, die für die relative Mehrheit gut ist, aber für die absolute Mehrheit katastrophal. Genau in dieser Situation scheint mir derzeit halb Europa zu sein, besonders aber Österreich. Dagegen hilft nur saubere Mathematik und genaue Abbildung des gesamten Wählerwillens im Ergebnis. Der Frust wäre in summa geringer, denn die Ablehnung der „Stadtmenschen“ mit 9:6 ist in diesem Fall implizit berücksichtigt, zumindest in dem Maße, in dem diese Ablehnung auch geäußert wird.

 

Das wichtigste Argument dafür ist die demokratiepolitische Gerechtigkeit: Was ist eine Demokratie wert, in der eine Mehrheit, dafür ist, auf den Zehen der anderen zu stehen, wie in dem oben angeführten Beispiel die Stubenhocker, die in der Stadt bleiben wollen? Sie sind zwar die meisten, aber sie stehen einer einheitlichen Phalanx von 60% Ablehnern, also sogar einer absoluten Mehrheit gegenüber! Es ist gerecht, jedem für diesen Fall eine rote Karte in die Hand zu geben. Die A-Priori Annahme der Wähler, dass alle an dem politischen Prozess teilnehmenden Leute fair und demokratisch agieren, ist leider passee, wie das Beispiel Ungarn zeigt.

Gegen diesen zweifelsfrei gerechteren Wahlmodus gibt es nur ein Argument: Es ist komplizierter. Wenn man aber die deutsche komplizierte Wahlordnung ins Treffen führt, die auch zwei Karten kennt, verschwindet der Einwand schnell. Eine rote Karte verteilen ist durch den Sport mittlerweile Allgemeingut und ist allemal simpler als das deutsche Modell der Erst und Zweitstimme, das noch immer ein Ja-Sager Modell ist.

Viel schwieriger ist die Durchsetzbarkeit. Denn dazu ist ein Verfassungsgesetz notwendig. Wenn aber Parteien eine relative Mehrheit bekommen, die im Rest der Bevölkerung eine große Ablehnung erfahren, also durch das System der „Roten-Karte“ dorthin kommen, wo der „Pfeffer wächst“, wird die Einführung unmöglich und der Frust bekommt die Mehrheit. Wenn es je durchsetzbar ist, dann jetzt  und nur durch die Journalisten, die das System indirekt schon lange befürworten.

Gerhard Engelmayer

The Austrian Humanist connection