Ein Minister verletzt meine atheistischen Gefühle

Tatzbär Rupprechter kommt mit einem riesigen „ideologischen Bauchumfang“ daher, wie ich es in meinem neuen Buch nenne, und da ist es dann oft unvermeidlich, dass Porzellan zerschlagen ist, kaum dass der Mann den Raum betreten hat. Das ist jetzt wirklich keine Katastrophe, aber ein ungebührliches Verhalten, eine Tatzbärigkeit, religiöses Rüpeltum. Was wenn er Moslem wäre? Würden wir alle, speziell auch die rechte Reichshälfte das ebenso mit einem milden Lächeln abtun? Was wenn er Taliban wäre? Er würde die Verschleierung der weiblichen Mitglieder der Regierung verlangen. Was kommt danach?
Wir haben gedacht, wir wären schon weiter.
Solange solche Leute in der Regierung sitzen, deren ideologischer Bauchumfang geduldet wird, die die Religion wieder salonfähig machen wollen, werden wir kaum Imamen das Handwerk legen können, die in Schulen ihre religiösen Parolen verbreiten, gegen Lehrer vorgehen, die die religiösen Gesetze höher achten als die weltlichen, Mädchen vor Zwangsheirat schützen und dergleichen mehr.
Ceterum censeo: Es zeigt sich immer mehr, dass wir eine Lobby für Humanismus und Freies Denken brauchen.

Presse-Erklärung des Freidenkerbundes zur Sterbehilfe-Debatte

Sterbehilfe–Verbot: Ein Schritt zurück ins Mittelalter!

Der Freidenkerbund ist Österreichs größter laizistischer Verband und die Lobby für humanistische Anliegen. 

Der Vorsitzende des Freidenkerbundes Österreichs (FDBÖ), Dr. Gerhard Engelmayer,  verurteilt das geplante Sterbehilfe-Verbot im Verfassungsrang auf das Schärfste und sieht in diesem Gesetzesvorhaben einen weiteren Schritt in Richtung Demontage des säkularen Staates, also der Trennung von Staat und Kirche. „Der Staat hat am Sterbebett nichts verloren. Die Kirche versucht nicht nur das Sexualleben der Menschen, sondern auch das Sterben und das Leben überhaupt zu kontrollieren.“

Hier geht es um prinzipielle Weichenstellungen: Die  Kirche will uns in die Fremdbestimmung zwängen. Die säkulare und pluralistische Gesellschaft steht aber für Selbstbestimmung und genau das wollen auch die meisten Europäer.

Laut einer Studie der Medizinuniversität Graz aus 2010 sprechen sich 62% für eine aktive Sterbehilfe aus. Nur 30% sind dagegen. In anderen Ländern ist man schon viel weiter und es werden andere Formen der Sterbehilfe erlaubt oder diskutiert. In Österreich stellt man sich gegenwärtig hinter Kroatien an, wo die Kirche ungeniert aktiv in die Politik eingreift.

Während man sich in der ganzen zivilisierten Welt darüber einig ist, dass Gott in der Politik nichts verloren hat, weil dadurch der Willkür Tür und Tor geöffnet ist, will man das im katholisch sozialisierten Österreich, dem Land der Gegenreformation, nicht wahrhaben. Engelmayer: „Keine andere Lobby außer der Kirche ist offenbar noch immer so mächtig, Verfassungsgesetze nach Gutdünken zu lancieren. Dabei wird von Politik und Medien immer übersehen, dass Österreich pluralistisch ist, nur weniger als zwei Drittel sind noch auf dem Papier katholisch. Demontagen des säkularen Staates á la Türkei will hier niemand. Die Gott-Gläubigen insgesamt sind nur mehr eine Minderheit von 42%! Weniger als 15 % leben nach dem Glauben, wollen aber dem Rest ihre ethisch überholten und oftmals menschenrechtswidrigen Moralvorstellungen diktieren!“

Staatssekretär Kurz und die Schimäre von unseren Christlichen Wurzeln

Der politische Musterschüler ist dafür, dass wir unsere „christlichen Wurzeln“ verteidigen. Das ist in mehrfacher Weise ein unseliger Kommentar.
Der ministrable Jungpolitiker hat damit eine Aussage getätigt, die auf Unwissen schließen lässt. Herr Kurz stellt sich damit in eine Reihe mit Herrn Strache, der in der Brigittenau das Abendland gegen den Islam verteidigen wollte, mit erhobenem Kreuz wie einst der Hass-Prediger Abraham a Santa Clara (Türken: „Blutegel“).
Was wir alle wirklich verteidigen, sind die Werte des Abendlandes, die uns in die Lage versetzt haben, dass heute alle Welt bei uns leben will, Werte, die uns Wohlstand gebracht haben und Frieden, die uns ein friedlich demokratisches Zusammenleben ermöglichen mit einem gerechten Ausgleich von Interessen. Die Schimäre ist, dass das Christentum irgendetwas damit zu tun hat – im Gegenteil: Menschenrechte, Rechtssicherheit und demokratische Ordnung wurden gegen den erbitterten Widerstand der Kirche als damaligem Machthaber durchgesetzt und fürwahr: „Nächstenliebe“ – Strache sei Dank! – war über Jahrhunderte genauso gemeint wie beim Herrn Oppositionsführer, nämlich als „Übernächstenhass“. Alle Werte, die unser Leben heute so attraktiv machen, sind Werte der Aufklärung. Viele Menschen kamen zu uns, nicht nur weil, sie einen Job suchten, sondern weil sie unter diesen Werten leben wollten, mit Rechtssicherheit, ohne Gesinnungsterror von Gottesstaaten und mit Bildungschancen für die Kinder. Viele sind aber auch noch so indoktriniert, dass sie ihre Identität noch stark mit der ihnen eigenen Religion verwechseln.
Zweitens ist diese Argumentation unselig, weil sie eine religiöse Frontstellung aufbaut. Die macht sie zu besseren Muslimen, anstatt zu besseren Demokraten. Statt die christliche Partei sollte Herr Kurz den säkularen Staat vertreten, der einzige Garant für echte Toleranz. Muslime können sich heute leicht „tolerant“ nennen. Die Wahrheit ist: Tolerant kann nur jemand sein, der auch die Macht hat, etwas zu tolerieren!
Der dritte Fehler besteht darin, dass Religionen per definitionem „desintegrative Weltanschauungen“ mit einem totalitären Hintergrund sind. Dass der Staatssekretär für Integration damit seiner Aufgabe nicht dienlich ist, liegt auf der Hand. Gerade er müsste sich der integrativen Kraft der Aufklärungswerte klar sein. Wenn, dann schafft man es nur so. Aber da war die Partei und das christliche Netzwerk hinter der Partei wieder stärker als Wahrhaftigkeit. Den Muslimen die christliche Flagge zu zeigen ist wahrlich das falsche Signal, die sie in ihrer schwachen Situation die Faust in der Tasche ballen lässt.
Die einzige wirklich zukunftsträchtige Strategie ist, bei der Wahrheit zu bleiben und den aufklärerischen Weg weiterzugehen: Auf die Plattform der Humanität zu setzen, da kann man mit den oben genannten Werten aufbauen, da können wir uns in Vernunft über eine gemeinsame Zukunft verständigen. Jede religiöse Plattform führt dahin, wo wir herkommen: Zu Unterdrückung und Krieg.
Statt die Bundeshymne sollten die Menschen über Menschenrechte informiert werden und über die Werte der Aufklärung. Dem Herrn Staatssekretär täte ein Auffrischungskurs ebenfalls gut, damit er Christentum und Aufklärung auseinanderhalten kann.