Zum 100tsten Mal: Aufklärung geschah gegen die Kirche und nicht durch!

Replik auf Kurt Kotrschals Presse Kolumne vom 24.10.

Kotrschal, den ich als Naturwissenschaftler sehr schätze, verstieg sich in seiner verständlichen Begeisterung für seinen Sozialisierungsverein MKV (Mittelschüler-Kartellverband) zu der unhaltbaren Behauptung, dass die Religion zu Aufklärung und Menschenrechten etwas beigetragen hätten. Diese Behauptung geistert auf allen Ebenen des österreichischen Geisteslebens besonders bei selbsternannten Spezialisten für alles herum und muss dringend als Mythos entlarvt werden, weil die Auswirkungen katastrophal sind. Er konterkariert nämlich die Aufklärung in ihren Wurzeln als blasphemisches Monumental-Ereignis, das mit dem Verbrennen des Giordano Bruno am Campo die Fiori in Rom begann und sich mit der Verurteilung des gläubigen Galileio Galilei wegen Häresie fortsetzte, weil er behauptete, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Aber: „Jeder Fortschritt beginnt mit einer Blasphemie“, schreibt Karlheinz Deschner.

Das grundsätzliche geistesgeschichtliche Drama  dreht sich um die Kernfrage, wie sehr sich Glauben und weltanschauliche Fragen an der Wirklichkeit messen lassen müssen. Dazu muss man die Wirklichkeit kennen. Humboldt bemängelte einmal, dass „die Leute am meisten über die Weltanschauung reden, die die Welt noch nie angeschaut haben“. Da gibt es – speziell für agnostisch eingestellte Wissenschaftler – gar keine Zwischenräume oder ideologische Freunderlwirtschaft.

Österreich hat sich in dieser Frage in die bequeme Art des „Ein-Bisserl-was-geht- immer“ eingesudelt. Die Dichotomie einer „harten“ und einer feinstofflichen Welt räsoniert im Leerraum der Wirklichkeit und endet in der typischen Schizophrenie des österreichischen Metaphysikers: „Es wird scho was geben!“

Menschen, die an der Wahrheit und Geschichten aus hygienischen und ethischen Gründen auseinanderhalten, orientieren sich an Fakten statt Faken, die nach wie vor offenbar gang und gäbe sind: Die katholische Kirche kennt die Gotteskindschaft des Menschen, was  die Brüderlichkeit aller Menschen insinuiert. Aber schon das Wort Brüderlichkeit zeigt den ersten Defekt gegenüber Menschenrechten auf: Das galt nie für die Frauen, was bis heute nachwirkt. Bis Mitte des 19. Jh. fand die Kirche die Sklaverei, wie sie in der Bibel manifest wird, völlig in Ordnung. Menschenrechte wurden gegen den erbitterten Widerstand der Kirche eingeführt. Die extrem konservativen Päpste Pius IX und Leo XIII fanden derartige These verrückt. Alle modernen Theorien wie Evolutionstheorie, Rationalismus (Ablehnung von „Wundern“) etc. wurden im Syllabus Errorum verworfen und Geistliche mussten einen sog. Anti-Modernisten-Eid bis Mitte der 60er Jahre (sic!) schwören. (Also auch die beiden noch lebenden Päpste). Zumindest der Katholizismus stand bis zum II. Vaticanum auf der Seite der autoritären Herrscher, manchmal sogar ganz offiziell wie im Fall Kroatien. Der Der Heilige Geist entzündet das Feuer, das zu einer Bücherverbrennung dient, meint den Index der verbotenen Bücher, der erst abgeschafft wurde, als es zu viele Bücher zum Zensurieren gab (1966).

Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen, was aus Platzmangel nicht möglich ist. Wie kann man all das einfach wegschieben und behaupten, dass die Religion an der Entwicklung der Menschenrechte mitgewirkt hat? Das kann man nur mit der in Österreich üblichen katholischen „Sozialisation“ erklären (Pfarr-Kindergärten, Jungschar, MKV und Verbindungen etc.) – ein euphemistischer Ausdruck für „Gehirnwäsche“.

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Stellungnahme zur PK von BM Heinz Faßmann vom 27.9.2018

Aussendung des Humanistischen Verbandes vom 27.9.2018

Aus der Sicht von Konfessionsfreien ist die Stellungnahme von Minister Faßmann über die Beibehaltung des Religionsunterrichtes enttäuschend, da niemand das Gespräch mit Konfessionsfreien suchte. Der Humanistische Verband Österreichs weist auf die Entwicklung in ganz Europa hin, wo der Religionsunterricht entweder schon ganz aus der Schule geflogen ist (Luxemburg) oder zumindest einem lebenskundlichen Unterricht  Platz machen musste wie in Teilen Deutschlands. In puncto Säkularität (Trennung von Staat und Kirche) gehört Österreich mit dieser Entwicklung zu den Schlusslichtern.
Sogar fortschrittliche Religionspädagogen befürworten einen Ethik- und Religionenunterricht (EuRU) für alle, wie der Salzburger Univ.Prof. Anton Bucher und viele Lehrer leben ihn in ihrem Unterricht.

Die Politik bleibt rückschrittlich, sodass der seit über 20 Jahren eingeführte sehr erfolgreiche Schulversuch nun zur Strafkolonie für vom Religionsunterricht Abgemeldete verkommt. Richtig wäre, den EuRU zwingend für alle vorzuschreiben, weil nur dieser Integration verspricht in dieser so pluralistisch gewordenen Gesellschaft. Religion, besonders in ihrer orthodoxen, ernst genommenen Form, befördert Desintegration und Totalitarismus wie derzeit in der Türkei vorgeführt. Religionsvertreter für die Erziehung zur Toleranz und gegenseitigem Verständnis zu machen, hieße den Bock zum Gärtner zu machen.

Dazu kommt die Islam-Problematik. Der Staat weiß nach unserer Schul-Ordnung nicht, was da wirklich gelehrt wird. Die Kindergärten haben uns bereits eine Ahnung davon gegeben, was mancherorts unter „religiösen Werten“ verstanden wird.

Religiöse Werte sind nicht zu definieren und daher ein Freibrief für Indoktrination jeder Art. Die Schule ist aber ein Ort der Bildung, nicht der Indoktrination. Wir sollten über Religionen berichten und nicht Mythen als Wahrheit verkaufen. Was wir brauchen für unsere offene Gesellschaft, sind kritisch und selbständig denkende junge Leute, das Gegenteil dessen, was Religionsunterricht hervorbringt. Dr. Gerhard Engelmayer, Vorsitzender des säkularen „Humanistischen Verbandes Österreich HVÖ“: „Kinder sind bitte nicht Katholiken, Muslime und Buddhisten, genauso wenig wie sie ÖVP-,SPÖ- oder FPÖ-Kinder sind. Lassen wir sie Kinder sein und Ihren religiösen oder nicht-religiösen Weg selbst wählen, was nebstbei zu den Menschenrechten gehört (Artikel 18 der AEMR)“.

Für Nachfragen:

Dr. Gerhard Engelmayer

Vorsitzender Humanistischer Verband Österreich
mobil: +43 699 122 44 242
engelmayer@aon.at

Geschlechtsneutrale Erziehung ? Religionsneutrale Erziehung liegt näher!

Gastkommentar zu Artikel „Wo auch Buben mit Barbies spielen“ Kurier vom 10.7.18

Grundsätzlich muss man den Anhängern der geschlechtsneutralen Erziehung edle Motive zubilligen. Aber ist das wirklich die Priorität Nr. 1 bei der Erziehung von Kindern? Ist es ein vernünftiges Ziel, Buben zu sanftmütigen Puppenspielern zu erziehen und Mädchen zu Technikfreaks? Steht dahinter nicht eher der vernünftige Versuch, sich Kinder selbst entwickeln zu lassen, nach ihren Begabungen und Neigungen? Muss man dann nicht akzeptieren, was dabei herauskommt und sich über die vielleicht überraschenden Entwicklungen freuen?
Das ist eine erfreuliche Entwicklung! Nur die Prioritäten sind schlicht verrückt. Denn dass ein Kind nun mal ein Bub oder ein Mädchen ist, hat die Natur so vorgegeben, man muss es nicht verstärken, aber auch nicht verleugnen.

Anders verhält es ich bei nicht naturgegebenen, sondern kulturgegebenen Faktoren wie Religion und Ideologie. Da scheut sich offenbar niemand, das Klischee zu vervielfältigen und im Dienste einer Fernmacht das Kindsein für kindferne Zwecke zu missbrauchen. Was da in das Hirn eines Kindes eingeprägt wird, ist ein ganzes Leben lang vorgefertigte Ideologielast, die die Entwicklung des Kindes sehr oft behindert und durch die sich das Kind erst freischaufeln muss. Es gibt keine katholischen, evangelischen oder muslimische Kinder, sondern nur Kinder, die Kinder sein möchten, die Welt erfahren und staunen lernen möchten. Es gibt Kinder, die mit anderen spielen möchten, die sich als Persönlichkeit entdecken möchten und nicht als Gegner oder Feinde im Sinne anderer Religionsanhänger, wie dies bei der Einschulung der Fall ist, wo die Kinder verschiedenen Glaubens in verschiedene Ecken gestellt werden.

Da ist es doch viel wichtiger, aufgesetzte Religionsklischees zu vermeiden, eher als natürliche Genderklischees, denn das Geschlecht steht fest, die Religion nicht. Wie die Praxis zeigt, entscheiden sich ein Großteil der Kinder anders, wenn sie erwachsen sind und verlassen die Kirche der Eltern, wenn sie frei sind. Eine meiner Töchter, die nicht getauft war, hat sich mit 14 entschieden, sich taufen zu lassen. Der Priester hatte Tränen in den Augen, weil er das zum ersten Mal erlebte, dass sich ein junger Mensch freiwillig, mit klarem Verstand und nicht unter dem Zwang der Eltern zum Eintritt in die Kirche entschied. Das wäre ja auch eine ganz andere Kirche, die aus Nicht-Zwangsgetauften, freiwillig-echten Gläubigen bestünde und nicht aus Taufschein-Christen und heuchlerischen Mitläufern.

Viel wichtiger ist, die Rahmenbedingungen festzulegen, das sind zivilisatorische und humanistische Erziehungsziele, innerhalb derer sich die Kinder entwickeln. Die Kinder müssen in der Tat die Menschenrechte, die Spielregeln der Gesellschaft und die grundlegenden Werte wie Meinungsfreiheit, die sich die Gesellschaft nach der Aufklärung erkämpft hat, kennen. Sie sollten auch angenehme, aber kritische  Zeitgenossen sein, denn nur dann werden sie wertvolle Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft sein, die nicht jedem Populisten auf den Leim gehen.  Schön, wenn die Kinder genderneutral aufwachsen, aber da gibt es eine ganze Reihe von anderen Prioritäten, vor allem das Menschenrecht auf Religionsfreiheit der Kinder (AEM 18) anzuerkennen.

Gastkommentar der Säkularen Humanisten, Replik zum Kommentar des Dompfarrer Fabers im Kurier vom 4.3. 2018

Vorab: Meine Kritik richtet sich nicht gegen den von mir geschätzten Dompfarrer Faber, es richtet sich gegen das System „Zeitungspredigt“. Gegen Artikel wie diesem, die in sich das Risiko einer schleichenden Gefahr bergen, jedoch als putzig und lieb daherkommen, wie im Faber-Artikel.
Er erzählt eine Zwangsrekrutierung von Kindern für die Beichte im Stile Rosamunde Pilchers als Eingang in ein wärmendes Paradies, eine Sternstunde heuchlerischer Verkaufstätigkeit für ein Himmelsabonnement. Denn einem 7-Jährigen muss man erst seine „Schuld“ einbleuen, um ihm die Befreiung von seinen Sünden „schenken“ zu dürfen. Man kann es nämlich auch so sehen: Hier wird geistiger Gleichschritt in Richtung Selbsterniedrigung und Schuldhaftigkeit trainiert, was der Kirche, aber auch dem Staat so Recht ist. Das Gegenteil dessen, was der moderne Staat braucht: Selbstbestimmte Eigendenker. Ich erinnere mich noch selbst an dieses Ereignis in meiner Schulzeit, das mich psychisch belastet hat, denn ich wusste nicht, was beichten, um dem für mich sicheren Weg in die ewige Verdammnis zu entgehen. So beichtete ich in meiner Not, dass ich ein halbes Schulbrot weggeworfen habe. Falls jemand kein Jausenbrot vernichtet hat, hat die Kirche die patente Erbsünde parat, die alle in die Pfanne haut, auch Kleinkinder. Hauptsache schuldig!

Das soziodemografische Ergebnis ist eine Gesellschaft von Duckmäusern und Heuchlern, von Verantwortungslosen. Sünde kann man loswerden, Verantwortung nicht. Wir brauchen in der Demokratie verantwortungsbewusste Menschen.
Religion ist OK., nicht aber da, wo Pluralismus gelebt werden soll, nicht im Staat, nicht in Schulen und Kindergärten, nicht kritiklos. Schon gar nicht in der Zeitung, die dem Pluralismus verpflichtet ist. Da müssen wir über Religion berichten und nicht predigen. Denn Predigten dulden keinen Widerspruch. Kritik ist unstatthaft, vielfach auch aus vorauseilendem Gehorsam. Partial-Nord-Korea. Reste der repressiven Gegenreformation und des Ständestaates. In Gottes-Staaten bejubeln wir Säkularisten (Türkei), bei uns werden sie mundtot gemacht, auch wenn sie lebenswichtige Kritik üben (muslimische und konfessionelle Kindergärten). Es gäbe eine lange Liste von gerechter Kritik an kirchlichen Praktiken, die nie diskutiert werden (Ich nenne nur an die unverständliche Subventionierung von Kirchenbeitragszahlern mit 120 Mio €.!), auch nicht im Kurier, der mittlerweile eine Speerspitze der unabhängigen Zeitungen in Österreich bildet. Nie darf Kirche echt kritisiert werden, kein Rechnungshof hat da etwas verloren. Der Kardinal hat ein „Bornophon“, das ihm jederzeit zur Prime-Time eine Stimme verleiht. Das per se ist harmlos, als Dauereinrichtung führt es mit anderen Personen wie derzeit zu polnischen und türkischen Zuständen. So sicher wie das Amen im Gebet.

Modell eines modernen Staates – Luxemburg trennt Staat und Kirche

Weniger Staatszuschüsse, kein Religionsunterricht mehr und neue Besitzverhältnisse der Kirchen: Luxemburgs Regierung hat die Entflechtung der Staat-Kirche-Beziehung abgeschlossen.

Die Scheidung zwischen Kirche und Staat ist in Luxemburg nicht einfacher als anderswo. Denn Luxemburg ist traditionell erzkatholisch und die Verflechtungen mit Kirche und kirchennahen Einrichtungen, wie das mächtige Syndikat der Kirchenfabriken Syfel, waren und sind erheblich.

Wenn man eine Sekunde in Zukunft denkt und die gegenwärtige Abnahme der Kirchenmitglieder in die Zukunft extrapoliert, womöglich mit einer beschleunigten Dynamik, dann kommt einmal der Punkt, an dem man sich fragen muss: Was passiert mit den Milliarden-Subventionen, was passiert mit den tausenden Immobilien, die keiner mehr braucht, was passiert mit dem Religionsunterricht?

Und es bleiben viele andere Fragen offen, wie z.B. die generelle Frage nach den Besitzverhältnissen der Kirche. Sind die enormen Güter Besitz der röm.-kath. Kirche, also des Vatikans, der Gläubigen oder sind sie  fragmentiert nach Pfarren. Oder sind sie nicht von unseren Vorfahren bezahlt und errichtet worden? Möglicherweise oder sogar sicher unter Zwang und gegen ihren Willen? Summa summarum, was passiert, wenn die natürliche Entwicklung der Säkularisierung ihren Weg geht?

Dem säkularen Denker ist klar, dass der Weg vorgezeichnet ist und dass es kein Entrinnen gibt. Wem das als politischen Christen noch nicht klar ist, der sehe nach Luxemburg. Da ist schon Realität, was bei uns noch undenkbar ist: Der Religionsunterricht ist abgeschafft und  anstatt Heiligenbildchen zu malen und Glaubenssätze als Wahrheiten zu präsentieren, gibt es das neue Fach „Leben und Gesellschaft“, in aufgeklärten Kreisen die einzige sinnvolle Alternative zum Religionsunterricht in einer pluralistischen und polyreligiösen Gesellschaft.

Alle diese Fragen sind so selbstverständlich, dass es nur wundern kann, dass sie in der Öffentlichkeit nie gestellt werden. Es scheint ein Stillhalteabkommen in den Medien zu geben, keine kirchenkritischen Fragen zuzulassen. Im ORF hat man dies teilweise schon zugegeben. Während es normal ist, die kleinsten Verfehlungen eines Politikers zu Recht zu kritisieren und anzuprangern, ist die Kirche nach wie vor sakrosankt, obwohl sie Teil unserer Gesellschaft ist und von ihr weitgehend finanziert wird. Wie aber kann sich die Gesellschaft weiterentwickeln, wenn grundlegende Fragen nicht gestellt werden dürfen?

Während um Studiengebühren Monate und Jahre lang heftig gestritten wird, die läppische 120 Mio.€ ausmachen, werden oft sinnlosen Milliardenausgaben der Kirche schlicht und einfach unter den Tisch gekehrt. Die schrumpfende Kirche hat ein steigendes Budget. Wie geht das zusammen? Zumindest Fragen müssten zugelassen sein. Auf Dauer kann man eine solche Situation nicht dulden. Die Reife eines demokratischen Systems wird genau an solchen Parametern gemessen.

Die Österreicher sind bereits viel weiter. In diversen Umfragen liegen die Werte bei über 50% für die Gottfernen (Gallup ´12, Religiosity Study, Österreich 53% auf die Frage: Sind sie religiös?). Der Wert für die Religionsmitgliedschaften liegt bei rund 75%, daher ist ein rundes Viertel der Bevölkerung ohne Bekenntnis. Aber ein weiteres Viertel ist noch immer in der Kirche, vermutlich wegen sonstiger Enterbung oder beruflicher Nachteile. Man nennt es Taufscheinchristen. Die Taufraten gehen weiter zurück. In den Zahlen für die  Gläubigen sind die Kinder eingerechnet, die bei Hochrechnung auf den Status zum Teil wegfallen.

Berechnet man alle diese Effekte mit ein, dann ist abzusehen, dass alle diese Elemente in 10-20 Jahren zu einer mehrheitlich säkularisierten Gesellschaft führen werden, die in der Stadt bereits Realität ist. Ja, es gibt Zusammenlegungen von Pfarren, aber was passiert mit den Immobilien? Alles Besitz der Kirche? Oder hat Goethe Recht mit seinem bekannten Ausspruch: “Die Kirche hat einen großen Magen!“ Wo verschwinden die Güter, die unsere Vorfahren im guten Glauben, dass die Kirche ewig ist, ihr anvertraut haben. Wo ist die Stelle, die für Transparenz sorgt? Jedes Dorf kann heute vom Rechnungshof geprüft werden, der Moloch Kirche nicht. Was mit den Milliarden passiert, die die Kirche an Transferzahlungen erhält, ist nirgendwo ersichtlich oder hinterfragbar. Dafür darf aber der Dompfarrer in größter Unverblümtheit seine fashionable Dachmaisonettenwohnung der Presse vorführen.  An einem österreichischen Tebartz van Elst findet einfach niemand etwas dran. In der österreichischen Kultur ist die Kirche – anders als in Luxemburg – sakrosankt (=heiligheilig). Durch Jahrhunderte hindurch hat es die Kirche verstanden, die Politik zu bestimmen, das Geld einzustecken, aber wenn es ans Zahlen ging (Missbrauchskandal) oder ans Schrumpfen wie jetzt, dann ist die Kirche nicht von dieser Welt.

Es versteht sich von selbst, dass die gegebenen Strukturen diese Entwicklung bremsen. Noch immer gilt das Volkstümliche: „Die Kirche spricht mit der Politik: Du hältst sie arm und ich halte sie dumm!“ Aber es ist unverantwortlich und undemokratisch, diese Entwicklung zu negieren oder ihr entgegenzuarbeiten. Die gegenwärtige politische Lage tut das. Wie lange lassen sich die Österreicher noch brav als Schafe in der Herde mit dem guten Hirten behandeln?

 

https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarland/luxemburg-trennt-staat-und-kirche_aid-7099024

Wer ist Humanist?

Humanistische Werte fußen auf humanistischem Denken, das langsam religiös gebundenes,  unfreies Denken ablöst

  1. Der Mensch steht im Zentrum (und nicht Gott). Dadurch entsteht eine andere
    Welt, als die religiös dominierte, die heute noch immer die Gesellschaft prägt.
  2. Individuelle Freiheit ist das höchste Gut – das bedeutet ein selbstbestimmtes und selbstverantwortetes Leben mit sozialer Verantwortung und Mitmenschlichkeit.
  3. Eine friedliche Gesellschaftsordnung ist notwendigerweise säkular: Religiöse tolerieren im besten Fall andere Religiöse, aber Säkulare haben die Möglichkeit eine Vernunftlösung zu finden, die für alle einsichtig ist und echten Frieden schafft. Säkularität behandelt alle Weltanschauungen gleich. Sie trennt Staat und Religion.
  4. Voraussetzung für diese Werte ist eine funktionierende Demokratie mit Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten und pluralistischen Medien
  5. Voraussetzung ist ferner die Liebe zur Wahrheit, der Vorrang von rationalem und wissenschaftlichem Denken vor Dogmatismus und Esoterik vor allem im Bereich des menschlichen Zusammenlebens. Das schließt aber keineswegs Spiritualität im Sinne Einsteins aus (Bewunderung des Universums, tiefe Beziehung zur Natur etc.)
  6. Humanistisches Denken kalkuliert die Fehlerhaftigkeit des Menschen mit ein. Kategorien wie Sünde, Schuld und Sühne kommen im Humanismus nicht zum Tragen.

Aus Anlass der Regierungsbildung aus Sicht der Humanisten:

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  1. Eine Regierung ist kein Fortschritt, deren „Veränderungen“ darin bestehen, das Rad der Zeit zurückzudrehen.
  2. Eine Regierung, die „nicht streitet“ ist kein Fortschritt, sondern eine Gefahr, da offenbar kein Interessensausgleich mehr stattfindet. Selbstverständlich muss Streit in einer Koalition stattfinden dürfen, wünschenswert ist ein „Streit mit Kultur“. Der beruht auf Achtung und Respekt dem Anderen gegenüber.
  3. Eine Regierung ist kein Fortschritt, wenn sie nicht in der Lage ist, auch die Interessen von kleineren Gruppen und Minderheiten zu berücksichtigen. Die eigenen Interessen brutal durchzusetzen ist keine Kunst, wenn man an der Macht ist. Es zählt also der Generalkonsens und nicht der Mehrheitskonsens.
  4. Jede Entscheidung muss sich an Menschenrechten und Menschenerträglichkeiten messen lassen. Humanismus verlangt nach Liberalismus, Egalitarismus, Individualismus und Säkularität. Wie wir in der Welt sehen, ist nichts davon selbstverständlich. Täglich werden Menschenrechte einem erfundenen neuen „Feind“ geopfert.
  5. Religion einfach weglassen! Wer sich der Illusion hingibt, dass Religion ein fester Felsen ist, auf den man eine friedliche Gesellschaft aufbauen kann, irrt gewaltig. Religionen gibt es tausende, Wirklichkeit nur eine. Die „Wahrheit“ der Religionen hängt davon ab, wer an der Macht ist, die Wahrheit (der Wirklichkeit) ist für alle Menschen gleich.

Van der Bellen enttäuscht die Hoffnungen seiner vielen säkular denkenden Wählerinnen und Wähler

Wann immer man über Reformen diskutiert, die mit Katholizismus zu tun haben, kommt das Killerargument: Das Konkordat ist unauflösbar! Wenn das Konkordat sogar vom Bundespräsident als vorteilhaft bezeichnet wird, wird sich in diesem Land nie etwas ändern! Es wäre das Gegenteil angezeigt: „Das Konkordat ist aufzulösen, weil mittlerweile 80 Jahre vergangen sind und wir nicht mehr im 95%-katholischen Faschismus-Staat leben!“

Es waren primär Säkulare, Freidenker, Humanisten,  Atheisten und die Liberalen, die Van der Bellen gewählt haben, immerhin sind 53% der Österreicher nicht religiös (lt. Gallup 2012 Religiosity Study). Das deckt sich, Zufall oder nicht, mit dem Prozentsatz, mit dem Van der Bellen gewählt wurde. Diese Wähler enttäuscht er, nur um der Kirche den Speichel zu lecken, wie dies alle Bundespräsidenten vor ihm auch gemacht haben, inklusive nicht-religiöse wie Heinz Fischer. Die leisen Nicht-Religiösen werden nicht einmal empfangen. Diplomatie in Ehren, aber all das hat doch auch weitreichende Konsequenzen! Auch auf andere, nicht-aufgeklärte Religionen!

Wieder wird es auch nach 20 Jahren Schulversuch keinen Fortschritt geben bei der Einführung des Ethikunterrichtes und der Verbannung des Religionsunterrichtes aus den Schulen. Das ist aber eine Überlebensfrage für unser liberales Denken und unsere demokratische Kultur angesichts der Bedrohung durch nicht-aufgeklärte Religionen. Es wird wieder keinen Anlauf geben, die säkular denkenden Araber, Asiaten und Nordafrikaner als selbständige Menschen anzusprechen, weil sie in Bausch und Bogen als Muslime gelten, die durch radikale Muslime wie Milli Görös vertreten werden, ein verlängerter Arm von Erdogan. (Siehe Studie Heinisch-Memedi, „Die Rolle der Moscheen im Integrationsprozess“, 2017). Es werden alle Privilegien, die das Konkordat enthält, wie die 1971 erfolgte Einrichtung der regelmäßigen Übernahme der Personalkosten von kath. Privatschulen durch den Staat, auf diese Art perpetuiert. Es wird die Theologische Fakultät vom Staat finanziert, obwohl die Theologie keine Wissenschaft ist, deren Voraussetzung die Ergebnisoffenheit ist (Abhängigkeit von Vatikanischen Weisungen!). Die Humanisten Vereine werden weiter ein Aschenbrödel-Dasein fristen, während die Kirchen mit ihren 10.000 Immobilien nicht wissen, was damit anfangen. Kirchen (und damit auch der Islam) werden weiter aufgewertet, obwohl ihre Mitgliederzahlen laufend sinken und die Bevölkerung in ihrer Einstellung nicht mehr abgebildet wird.
Die Wahrheit ist, dass das Konkordat nur Vorteile für die Kirche gebracht hat, der Staat jedoch praktisch nur Pflichten übernommen hat, sodass man schon aus diesem Grund den Vertrag als „sittenwidrig“ bezeichnen muss. Die Rechtsgrundlage ist ebenfalls nicht mehr gegeben, nämlich der politische Wille, den Katholizismus als Staatsreligion zu etablieren und festzuschreiben. Religionsfreiheit mit Religionsprivilegien zu verwechseln ist für den höchsten Mann im Staat peinlich. Die Aussage des Herrn Bundespräsidenten ist verfehlt.

Aussendung d. Humanistischen Gemeinschaft d. Freidenker Österreichs v. 20.9.2017

Betrifft: Die Aussagen H.C. Straches in einer Wahlkampfrede am 16.9. 2017 „Wem das Kreuz in der Schulklasse nicht passt, der soll das Land… verlassen!“

„Damit hat H.C. Strache seine Kriegserklärung an alle Ausländer und Migranten auf die Ungläubigen dieses Landes ausgedehnt, zu denen ich mich auch zähle!“ erklärte G. Engelmayer, der Vorsitzende der überparteilichen Freidenker Österreichs und der Konfessionfreien zur APA. Laut Engelmayer greift Strache damit rund 53% der Österreicher an, die zwar zum Teil noch bei der Kirche gemeldet sind, aber sich selbst als „ungläubig“ bezeichnen.
Da für diese Menschen und vor allem für die rund 2 Mio. Konfessionsfreien die Religion Privatsache sein sollte, ist dieser Satz für Millionen Österreicher ein klar antisäkulares Statement. Der Satz rüttelt an den Grundfesten der Demokratie und des Pluralismus. Er zeigt, was Österreich zu erwarten hat, wenn Strache und seine Bundesbrüder an die Macht kommen.
In seiner grenzenlosen Simplifizierung gibt es für Strache nur den Islam und das Christentum. Dieses ist als Legitimation für europäische Werte ungeeignet. Wie der politische Islam ist auch das politische Christentum, das zwischen 1934 und 1938 in Österreich autoritär herrschte, ein gemeinsames Feindbild der Österreicher. Europäische Werte sind die Aufklärung (Demokratie, Meinungsfreiheit, Säkularität und Rechtsstaatlichkeit), die die Kirche bekämpft hat. Christliche Werte sind Keuschheit, Gottesfurcht, Demut und Armut(der Gläubigen, nicht der Kirche).

Das „Manko“ der Konfessionsfreien

Ein Konfessionsloser gilt in Österreich als interesseloses Neutrum. Ein Missstand, den man abschaffen muss.

Die jüngste Studie zur Konfessionszugehörigkeit (VID) gibt Anlass, auf einen Missstand aufmerksam zu machen: Kaum tritt jemand aus der Kirche aus, wird er als interesseloses Neutrum betrachtet. Die katholische Religion wird nach wie vor als geheime Staatsreligion gehandelt. Die acht Prozent Muslime sind medial überrepräsentiert, während 17 Prozent Konfessionsfreie traditionell als meinungslos betrachtet werden.

Davon sind die Säkularen, Humanisten und Konfessionslosen weit entfernt. Sie dürfen nur nach dem österreichischen Kultusgesetz nicht einmal ein „Bekenntnis“ sein und eine entsprechend anerkannte Gemeinschaft bilden, wie dies z. B. selbst im urkatholischen Bayern der Fall ist. In Österreich gibt es laut Gesetz nur „religiöse“ Bekenntnisse, die den Schutz des Staates verdienen (darunter Zeugen Jehovas)!

Solche Bekenntnisgemeinschaften sind rechtlich den Kirchen fast gleichgestellt als Körperschaften öffentlichen Rechts, sie haben das Recht, eigene Sendungen zu gestalten, sie betreiben humanistische Kindergärten, Schulen und soziale Einrichtungen, vor allem vertreten sie die Interessen ihrer Mitglieder und die der Konfessionsfreien im Allgemeinen.

 

Klare Weltanschauung

Aus Sicht der Religiösen sind die Konfessionsfreien nämlich konfessionslos, haben also ein Manko. Sie sind jedoch kein weltanschauliches Neutrum, sondern haben eine klarere Weltanschauung als die meisten Katholiken („Na, da wird es schon irgendwas geben!“).

Man müsste vor allem die Realität des Glaubens berücksichtigen: Danach sind laut „Gallup Religiosity Study 2012“ über 53 Prozent areligiös (zehn Prozent dezidierte Atheisten), und nur 42 Prozent bezeichnen sich selbst als „religiös“, während laut VID-Studie 83 Prozent religiös sein müssten: Das bedeutet, dass rund die Hälfte Taufscheinchristen und Scheinmuslime sind. Gerade die werden aber von Fundamentalisten vertreten. Säkulare Muslime, die in unserem Interesse sein müssten, werden vom Staat nicht als Gesprächspartner angesehen.

 

Politik hinter der Realität

Im Klartext: Die Politik hinkt der Realität bewusst hinterher, weil man sich nach der guten alten Zeit sehnt, in der man alle Bürger via Religion noch gut im Griff hatte. Jedem ist klar, dass in einer pluralistischen Gesellschaft die einzige Art des Zusammenlebens nur durch Säkularität („Religion ist Privatsache“) gewährleistet ist. Diese fühlen sich allein durch die geduldete Existenz (Toleranz) anderer Bekenntnisse eingeengt bis beleidigt, weil die Anerkenntnis anderer Religionen und Götter nebeneinander schon per se eine Relativierung der eigenen Absolutheit bedeutet.

Die Kirchen entkommen dem Vorwurf des Fundamentalismus nur durch die erfreuliche pausenlose Übernahme von humanistischem Gedankengut („Nicht Gott steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch“) und Verkauf als eigene „christliche Werte“. Da diese Entwicklung in den Augen der Konservativen einen Verrat darstellt, kann man sich ausrechnen, wie schnell hier ein Rückschnalzeffekt wie in Polen zum Tragen kommen kann.

Dem kann man nur entgegenwirken, indem man Etikettenschwindel vermeidet, humanistische Entwicklungen fördert statt unterdrückt, sie auch so benennt und Staat und Kirche konsequent trennt. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Antwort auf muslimische Kindergärten nicht katholische sind, sondern humanistische. Kinder haben ein Recht auf die Wahrheit „state-of-the-art“. Zum Beispiel dass der Mensch ein Produkt der Evolution ist.

Der Autor ist Vorsitzender des Freidenkerbundes Österreich und des Zentralrats der Konfessionsfreien.