Was heißt freiheitlich eigentlich wirklich?

Was wir Freidenker von jemandem halten, der „freiheitlich“ denkt? Dass er das Gegenteil von dem ist, was er vorgibt zu sein. Dass er nicht frei, sondern nur „freiheitlich“ denkt. Die Angabe, die Freiheit als Wert zu schätzen, ist in Wirklichkeit Hochstapelei. Wie sie dann zu ihrem Namen kommen? Hören Sie sich einmal einen Redner an, wenn er sagt, er möchte „nur noch ganz kurz“ einen Punkt „streifen“.  Jemand, der kurz ist in seine Rede, braucht keine Ansage, kurz sein zu wollen. Er ist es einfach.

Freiheitliche fürchten sich vor Freiheit, weil sie Herdentiere sind, laut Bibel Schafe mit ihren Hirten. Freiheitliche sind ohne einen Hirten, der sagt, wo es lang geht,  nichts. Deswegen Führerpersonen, deswegen vertikales Gesellschaftsbild, deswegen schwache Egos mit Paranoia.  Deswegen das entsetzliche Personal.

Aber woher der Hang zum Totalitären?

Die Denkraster einer vertikal magnetisierten Gesellschaftsordnung sind im Land der Gegenreformation (besser wäre „Zwangsrekatholisierung“) besonders tief eingeprägt. Mehr als die Hälfte der Österreicher sind mittlerweile ungläubig bis atheistisch. Aber  kulturell sind Österreicher noch immer in der Wolle katholisch gefärbt, glauben an die von oben „festgefügte“ Ordnung und an die „verordnete Wahrheit“.  Sie glauben an Anpassung und an die Möglichkeit den Verstand zu biegen, wenn es der eigenen Haut gut tut. Intellektuelle Redlichkeit? Fehlanzeige! In Österreich gibt gerade einmal eine Handvoll Universitätsprofessoren, die offen bekennen, Atheist zu sein.

Österreicher glauben an die Überlegenheit der eigenen Mittelmäßigkeit im Verbund mit höheren Mächten. Sie glauben noch immer zu viel und zweifeln zu wenig. Sie glauben an den Stamm statt an die Solidarität der Menschen. Im Stamm ist die Welt geteilt in Stammesmitglieder  und Nicht-Mitglieder, deren Verachtung vorprogrammiert ist.

Es ist das Leittier, das im Stammesdenken zählt, nicht das eigene Denken und die eigene Kraft. Einen Job zu bekommen, nennt man in Österreich irgendwo „unterzukommen“, was die Unterordnung von vorneherein beschreibt.

Die schlechte Performance der Regierungen a la Haider & Co ist schrecklich und kostet ein „Haiden“-Geld. Das ist aber nicht das Problem Nr. 1, das ist vielmehr die Irreversibilität.  Jede fair und human orientierte demokratische Gesellschaft muss 2 Grundspielregeln befolgen:

  1. Reversibilität – Machtpositionen müssen reversibel sein und
  2. Reziprozität – also salopp gesagt: „Was für dich gilt, gilt auch für mich“.

Genau hier hakt es:  Gerade wird uns vorgeführt, wie der katholisch und natürlich rechts orientierte Jaroslav Kaczynski innerhalb von wenigen Wochen gegen die Leitlinien der EU die demokratische Entwicklung ins Irreversible lenkt, wenn Korrektive wie das Verfassungsgericht trickreich ausgeschaltet werden oder alle Medien gleichgeschaltet werden. Ähnlich in der Türkei.

Warum sind es immer die Religiösen, die das Irreversibilitäts-Risiko darstellen? Weil sie selbst so erzogen wurden. Katholik ist man immer, das Mal der Taufe ist irreversibel und unauslöschlich! Nur der Staat garantiert die Reversibilität des Eintrittes in die Kirche. Beim Islam ist sogar mit ernsten Folgen zu rechnen, auf Apostasie steht meist der Tod.

Und: Der „wahre“ Glaube ist in seiner Natur immer intolerant. Ihre Glaubenswahrheiten vertreten sie absolut, Toleranz ist nicht vorgesehen, wenn man auch manchmal nicht darum herumkommt, wie gegenwärtig in Österreich.

Österreich mit einem intoleranten Machtmenschen an der Spitze, egal wie der heißt, das ist ein kultureller Abgesang des Landes. Es wäre die Quittung für die maßlose Förderung der religiösen Denk- und Lebensweisen in Milliardenhöhe jedes Jahr. Eine HYPO alle paar Jahre.  Statt unsere Demokratie zu fördern wird am Vormittag das religiös-totalitäre Gedankengut heiliger Bücher, in dem Gewalt eine Selbstverständlichkeit ist, an Kinder herangetragen. Am Nachmittag gibt es Kurse in Toleranz. Statt Poppers kritischen Rationalismus  als Österreich Export an die Welt zu feiern, wird ein religiöses Dialogzentrum am Ring gefördert.

Demokratie ist keine katholische Erfindung, es ist eine Erfindung der Aufklärung. Sie braucht Förderung in Form von Kindergärten, die humanistisch und säkular geführt sind, wie bis vor kurzem in Wien, in Form von Schulen, die kritisches Denken fördern, in Form von Medien, die eigenständig denkende Leser heranziehen, in Form einer Zivilgesellschaft, die sich für alle Belange der Demokratie-Kontrolle und – Weiterentwicklung einsetzt.  Und sie braucht vor allem Bildung.

Auf einem solchen Boden hätte ein Herr Hofer bei der Wahl in die Hofburg in den Augen der Wähler nicht die Rolle eines Favoriten, sondern bestenfalls die eines Unholds eingenommen.

 

Gerhard Engelmayer